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Ich war`s nicht, Adolf Hitler ist es gewesen!

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Anlässlich des 70. Jahrestages der Wannsee-Konferenz eine Karikatur, die ein Jahr nach dem Ende der NS-Herrschaft entstanden ist. Zu einem Zeitpunkt also, an dem bereits niemand mehr mitgemacht haben wollte und man sowieso nichts mehr wusste…
Die Abbildung ist dem Büchlein „Heiterkeit der Aufbauzeit“ entnommen, 1946 im Aufbau-Verlag erschienen. Alle darin enthaltenen Karikaturen stammen von Erwin Kutz. Dieser, laut dem Spiegel, der „Hennecke unter den Nachkriegszeichnern“, arbeitete zunächst für verschiedene Ostblätter, bis er sich mit dem Chefredakteur der Satirezeitung „Frischer Wind“ (dem Vorgänger des Eulenspiegels) überwarf und zur Westberliner „Tarantel“ wechselte.

Written by yesterdaywasfuture

Januar 20, 2012 at 9:22 pm

Die ersten Kondom-Automaten in Berlin.

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Kondom-Automaten. Sie gehören zu Kneipen- und Flughäfentoiletten wie die Seife. Manchmal gibt es sie also, und manchmal nicht. Aber wie lange gibt es die Dinger eigentlich schon? Ich hätte, ehrlich gesagt, auf die 60er Jahre des vorherigen Jahrhunderts getippt, doch wikipedia datiert die Einführung von Kondom-Automaten bereits auf das Jahr 1928. Der Erfinder Julius Fromm erfand übrigens nicht nur den Automaten, sondern auch das Produkt bzw. das erste nahtlose und transparente Kondom (damals aus Naturkautschuk) und zwar in einer Hinterhofwerkstatt im Prenzlauer Berg. Den dortigen heutigen Kinderreichtum konnte er aber damit nicht verhindern.

Aber so verwundert es nicht, dass bereits zwei Jahre nach der Erfindung des Kondom-Automaten, der Berliner Magistrat die Aufstellung derselben beschloß, wenn auch anscheinend von der Konkurrenz Dublosan:

Neuköllnische Zeitung, 7. Juli 1930:

Automaten zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten.

Die Erörterungen über die Frage der Aufstellung von Automaten zur Abgabe von Vorbeugungsmitteln, die im Interesse der Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten liegt, sind nunmehr nach Verhandlungen mit verschiedenen Sachverständigenkreisen und Firmen zum Abschluß gelangt. Der Magistrat hat im Einvernehmen mit der Deputation für das Gesundheitswesen und den Vorsitzenden der Bezirksämter dem Abschluß eines Vertrages mit der Deutschen Dublosan-Gesellschaft m. b. H. in Frankfurt a. M. zugestimmt. Der Vertrag sieht vor, daß die Deutsche Dublosan-Gesellschaft im Einvernehmen mit den Bezirksämtern in öffentlichen Bedürfnisanstalten, Bedürfnisanstalten der Badeanstalten und sonstigen von der Stadt bezeichneten Örtlichkeiten Automaten zum Verkauf von Schutzmitteln zur Verhütung von Geschlechtskrankheiten aufstellt. Der Vertrag belastet die Stadt in keiner Weise, sondern es ist vielmehr vereinbart, daß die genannte Gesellschaft auf den Umsatz einen Naturalbonus an die Stadt abführt. (…) Die Aufstellung muß nach den Vertragsbestimmungen so erfolgen, daß weder Sitte noch Anstand verletzt werden.

Die  Liberalität der Weimarer Gesellschaft darf aber auch nicht überschätzt werden. Die „Automatenfrage“ wurde kontrovers diskutiert und die Gegner der Präservativ-Automaten bzw. „Schmutzmittelautomaten“ waren durchaus zahlreich. Beispielhaft ist der Brief der Arbeitsgemeinschaft für Volksgesundung E.V. an den Reichsminister des Innern vom 7. März 1930, der im Folgenden auszugshaft wiedergegeben werden soll:

Die auszugsweise Veröffentlichung der Denkschrift über die Verhütung der Geschlechtskrankheiten durch Selbstschutz unter Berücksichtigung von Automaten, die von der „Einkaufsgesellschaft chirurgischer Gummiwarenhändler“ dem Reichsministerium des Innern eingereicht wurde, hat in weiten Kreisen berechtigtes Aufsehen erregt und eingehende Untersuchungen über die „Automatenfrage“ veranlasst.

Unsere Arbeitsgemeinschaft für Volksgesundung, in der mehr als 700 Wohlfahrts-, Frauen- und Jugendverbände, Behörden und führende sozial-ethische eingestellte Persönlichkeiten zusammengeschlossen sind, hat sich in ihrem Fachausschuss III mit dieser Angelegenheit eingehend (…) befasst.

(…)

Die grösste Gefahr der geplanten allgemeinen Aufstellung von Automaten liegt in der sittlichen Gefährdung der heranwachsenden Generation. Der aussereheliche Geschlechtsverkehr und die Benutzung der Prostitution wird damit als etwas Selbstverständliches hingestellt. Die Abstemplung der Schutzmittel als hygienischer Bedarfsartikel des täglichen Gebrauchs bedeutet nicht nur eine Herabwürdigung der Geschlechtsbetätigung als solche, sondern eine Entstellung ihrer letzten Sinngebung. Jede Steigerung des ausserehelichen Geschlechtsverkehrs bedeutet aber eine erhebliche Vermehrung der Infektionsmöglichkeit.

Besonders bedenklich erscheint uns die Tatsache, dass der Vertrieb dieser Mittel durch Automaten von wirtschaftlichen Interessengruppen schon heute mit ungeheurer Reklame und grossen Gewinnversprechungen betrieben wird. Wir verurteilen grundsätzlich jede gewerbliche Ausnutzung und jede Erleichterung des ausserehelichen Geschlechtsverkehrs.

(…)

Wir sind der festen Überzeugung, dass der Herr Reichsminister des Innern sich den hier geäusserten schweren Bedenken gegen die Aufstellung von Automaten aus sozialethischen Gründen nicht verschliessen wird und bitten den Herrn Reichsminister, die durch das Gesetz zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten vorgesehenen Möglichkeiten zu benutzen, um die geplante allgemeine Aufstellung von Automaten und dadurch eine weitere Verbreitung der Geschlechtskrankheiten zu verhindern. (…)

Der Brief ist den Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft für Volksgesundung E.V. Nr. 7 vom 8.3.1930 entnommen. Ähnliche Briefe richteten sich an andere Ministerien und zeigten auch Erfolg. So geht auf einen solchen Brief auch die Entscheidung des Preussischen Ministers für Handel und Gewerbe zurück, „wonach Automaten als offene Verkaufsstellen im Sinne der Bestimmungen der Gewerbeordnung gelten, sodass ein Vertrieb von Schutzmitteln durch Automaten nach Ladenschluss und am Sonntag unzulässsig ist“. (Mitteilungen der A.f.V. Nr.3 vom 9.2.1931)

Aber selbst heute finden sich ja noch pseudomoralische Eiferer, die sich über „Liberal-dekadente Kräfte des Kulturbolschewismus“ der Weimarer Gesellschaft aufregen können. So findet sich bei kreuz.net, dem Portal der „Kreuzritter der Dummheit“ (TAZ) bzw. „Katholischer Nachrichten“ (Selbstdarstellung), das u.a. auch Holocaustleugnern eine Plattform bietet, ein Artikel der sich über die durch den deutsch-jüdischen Fabrikanten Julius Fromm (s.o.) gesponserte „Sex-Welle der 1920er Jahre“ auslässt. Interessant an dem Artikel ist aber zumindestens, dass aus ihm hervorgeht, dass sich Kondome und Kondomautomaten auch in der Zeit des Nationalsozialismus weiter ausbreiteten, auch wenn man natürlich ersteinmal kritisch gegenüber allem, was in diesem Artikel gesagt wird, sein sollte, von der Wertung mal ganz abgesehen. Im übrigen haben die Nationalsozialisten noch 1930, bei der oben von der Neuköllnischen Zeitung behandelten Magistratssitzung die Aufstellung von Kondomautomaten „aus grundsätzlichen Erwägungen abgelehnt“.

Zur Rolle von Julius Fromm im Kondomgeschäft und im Nationalsozialismus gibt es bereits ein Buch: Götz Aly/ Michael Sontheimer, Fromms. Wie der jüdische Kondomfabrikant Julius F. unter die deutschen Räuber fiel, Frankfurt 2007.

Written by yesterdaywasfuture

Dezember 16, 2009 at 11:01 pm