Das Neueste von Gestern

Geschichten aus Berlin und der Welt von Gestern

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Vergessene Medizin: Köstritzer Schwarzbier

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In zahlreichen Internetforen wird die Heilwirkung von Bier diskutiert und im Altertum soll Bier sowieso vor allem zu Heilzwecken gebraut worden sein. Die Nubier haben vor 1600 Jahren sogar ein Bier getrunken, dass Tetracyclin enthielt, also ein Antibiotikum. (FR vom 25.10.10) Doch dass die moderne Brauereiindustrie ihre Produkte mal wie Medizin angeworben hat, war mir unbekannt, bis ich in zwei Ausgaben der kommunistischen Tageszeitung „Arbeiterpolitik“ aus dem Jahr 1930 auf folgende Werbeanzeigen gestossen bin:

Als ob Sie Blei an den Füßen hätten?

Sie bringen sie kaum noch fort? Das macht nicht allein das Frühjahr! Ein Signal ist es, daß sie überanstrengt sind, ihre Kräfte zur Neige gehen! Berufliche Tätigkeit zehren sie auf, wenn nicht rechtzeitig für Erneuerung gesorgt wird. Sie müssen dringend etwas für sich tun! Auch wenn Ihnen nur wenig Geld zur Verfügung stehen sollte. Nur nicht krank werden! – Sie bekommen mehr Blut, die Müdigkeit schwindet, die Verdauung macht Ihnen keine Beschwerden, Ihre Nerven werden gekräftigt, wenn Sie jeden Tag 1 Flasche „Köstritzer Schwarzbier“ trinken. Sie werden ein ganz anderer Mensch! Sie fangen doch heute noch an! Erhältlich in den Bierhandlungen und Lebensmittelgeschäften. (1)

und

Nicht wahr, es hat Sie doch recht mitgenommen,

das Wochenbett mit allem Drum und Dran! Es wird Zeit, daß Sie wieder Farbe bekommen, wieder frisch, elastisch, leistungsfähig werden. Blut tut not! Die Nerven müssen wieder gekräftigt werden. Auch die Verdauung muß in Ordnung kommen. Deshalb sollten Sie gleich damit anfangen „Köstritzer Schwarzbier“ zu trinken! Das sagt auch der Arzt. Es schafft so viel Gutes und kostet so wenig! Erhältlich in den Bierhandlungen und Lebensmittelgeschäften. (2)

Die Köstritzer Schwarzbierbrauerei hat aber auch mit Werbetafeln für ihre „Medizin“ geworben, wie dieses Foto beweist. Na dann. Wohl bekomm`s!

(1) Arbeiterpolitik. Tageszeitung der Kommunistischen Opposition Deutschlands – Ausgabe A, 25.4.1930.

(2) Arbeiterpolitik. Tageszeitung der Kommunistischen Opposition Deutschlands – Ausgabe A, 3.5.1930.

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Written by yesterdaywasfuture

Januar 6, 2011 at 6:45 pm

Das Neueste von Gestern – Anmerkungen (1)

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Gerade habe ich den Artikel „Die ersten Kondom-Automaten in Berlin“ stark erweitert. Wer sich also für das Thema interessiert, sollte den obigen Link benutzen.

Written by yesterdaywasfuture

Januar 25, 2010 at 4:33 pm

Die Lehren aus der Schweinegrippe

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Nachdem der Hype um die Schweinegrippe die Welt monatelang im Griff hatte, verkündete die WHO vor zwei Tagen den endgültigen Rückzug des H1N1-Virus. Und im Nachhinein kann man (wie es viele ja schon erwartete hatten) sagen: Viel Lärm um nichts. Vielleicht sollte man bei der nächsten apokalyptischen Grippewelle daher vielleicht wieder auf traditionelle Grippebekämpfungsmaßnahmen zurückgreifen, statt milliardenschwere Pharamindustriekonjunkturprogramme aufzulegen. Wir wäre es z.B. mit dieser Methode aus dem Jahre 1930:

Written by yesterdaywasfuture

Januar 24, 2010 at 8:01 pm

Die Hand mit dem Bierbauch

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Während die Börsianer in den letzten Tagen eines jeden Jahres von einer Jahresendrally der Börsen-Indexe träumen, erlebt unsereins meist nur eine Jahresendrally des Body-Mass-Indexes. Und so wundert es nicht, dass nach dem Freßmarathon durch Adventsplätzchen, Weinachtsgans und Silvester-Raclette das Thema Abnehmen wieder ganz oben auf der Agenda (2010) steht. Bevor ihr aber jetzt mit der Wunder-Diät anfangt, lest erstmal folgenden warnenden Beitrag von Dr. Köthe Heller – vielleicht ist euer Bauch auch einfach nur eine Folge von Veranlagung und euch droht durch die Diät ein grausamer Hungertod!

Aus der Neuköllnischen Zeitung vom 14. Januar 1933:

Können Dicke verhungern?

Auch ein Beitrag zum Thema „Schlankheitskuren“

Von Dr. Köthe Heller

Man hat das Ende der schlanken Linie allzu früh bejubelt. Sie überlegte es sich – und blieb. Und heute hört man nach wie vor Vieles und Verschiedenartiges von erfolgreichen und erfolglosen Schlankheitskuren, wobei in der Mehrzahl der Fälle die Erfolglosigkeit beklagt wird.

Wieder einmal Anlaß, darauf hinzuweisen, daß sehr häufig die Neigung, Fett anzusetzen, im Organ und seiner Veranlagung begründet ist. Sie glauben es nicht? Sie sind der Meinung, mit rigorosem Vorgehen, mit Hungerkuren und anderen Quälereien die Naturgesetze über den Haufen werfen zu können? Eine kleine Geschichte, die fast unwahrscheinlich klingt, und doch wahr ist, mag Sie eines Besseren belehren.

Ein junger Mann zog sich eine eine empfindliche Verletzung der Hand zu. Es ergab sich die Notwendigkeit, ein Stück Haut, das durch die Verletzung fortgerissen war, wieder einzusetzen, wollte man nicht eine entstellende Narbe auf der Hand zurücklassen. Man nahm ein entsprechendes Stück Haut aus einer Körperstelle, wo es am entbehrlichsten schien: aus der Bauchdecke. Alles verlief nach Wunsch – die Hand heilte mitsamt dem chirurgisch eingesetzten Hautflicken, und alles schien in schönster Ordnung.

Bis nach einiger Zeit der junge Mann in die Jahre kam, die man als die „besseren“ zu bezeichnen pflegt, diese Jahre, die sich zumeist durch eine Neigung zum Fettansatz auszeichnen. Der Mann bekam ein rundes, hübsches Bäuchlein, jedoch leider nicht nur an der Stelle, wo dieses Bäuchlein seine Berechtigung hat, sondern auch – auf dem Handrücken, wo vor Jahren ein Stückchen Bauchdecke eingesetzt wurde. Dort bildete sich ein unverkennbares Fettpolster, das die schlanke, gerade Hand zu verunzieren begann.

Diese kleine Geschichte, so unglaublich sie klingt, ist dennoch ein praktischer Beweis für das Naturgesetz von der unbeirrbaren Lehre der Veranlagung, der Konstitution. In der Mehrzahl der Fälle von Fettsucht ist nicht an eine Störung der Hormondrüsen, noch an eine Verschiebung der Bilanz zwischen Energiezufuhr zu denken. Fettsucht und Magerkeit sind Anlagen. Es gibt genügend hagere Menschen, die ungeahnte Mengen nahhafter Speisen zu sich nehmen können – ohne je auch nur ein Gramm zuzunehmen. Und Dicke wiederum, die sich mit Entfettungskuren, mit Hunger und Durst herumquälen und dennoch dick bleiben. Anlage! Schränkt man bei fettleibigen Menschen die Nahrungsration ein, so können zwei Reaktionen eintreten: sie werden entkräftet, leistungsunfähig – ja, sie können sogar verhungern und bleiben dennoch immer dick. Die Fähigkeit der dazu disponierten Organe, Fett zu bilden, ist so stark, daß sie rücksichtslos alle Nahrungsstoffe an sich reißen, um daraus Fett zu bilden. Daher kommt es, daß die anderen lebenswichtigen Organe „verhungern“ können.

Es ist somit die Gefahr erklärlich, die besteht, wenn Menschen, die zu Fettansatz neigen, eigenmächtig Schlankheitskuren vorzunehmen beginnen. In jedem Falle muß der Arzt feststellen, um welche Art von Konstitution es sich handelt, ehe ein von ihm angeordneter Weg zur Abmagerung eingeschlagen wird – wenn eine solche Möglichkeit gegeben ist.

Written by yesterdaywasfuture

Januar 1, 2010 at 5:29 pm

Die ersten Kondom-Automaten in Berlin.

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Kondom-Automaten. Sie gehören zu Kneipen- und Flughäfentoiletten wie die Seife. Manchmal gibt es sie also, und manchmal nicht. Aber wie lange gibt es die Dinger eigentlich schon? Ich hätte, ehrlich gesagt, auf die 60er Jahre des vorherigen Jahrhunderts getippt, doch wikipedia datiert die Einführung von Kondom-Automaten bereits auf das Jahr 1928. Der Erfinder Julius Fromm erfand übrigens nicht nur den Automaten, sondern auch das Produkt bzw. das erste nahtlose und transparente Kondom (damals aus Naturkautschuk) und zwar in einer Hinterhofwerkstatt im Prenzlauer Berg. Den dortigen heutigen Kinderreichtum konnte er aber damit nicht verhindern.

Aber so verwundert es nicht, dass bereits zwei Jahre nach der Erfindung des Kondom-Automaten, der Berliner Magistrat die Aufstellung derselben beschloß, wenn auch anscheinend von der Konkurrenz Dublosan:

Neuköllnische Zeitung, 7. Juli 1930:

Automaten zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten.

Die Erörterungen über die Frage der Aufstellung von Automaten zur Abgabe von Vorbeugungsmitteln, die im Interesse der Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten liegt, sind nunmehr nach Verhandlungen mit verschiedenen Sachverständigenkreisen und Firmen zum Abschluß gelangt. Der Magistrat hat im Einvernehmen mit der Deputation für das Gesundheitswesen und den Vorsitzenden der Bezirksämter dem Abschluß eines Vertrages mit der Deutschen Dublosan-Gesellschaft m. b. H. in Frankfurt a. M. zugestimmt. Der Vertrag sieht vor, daß die Deutsche Dublosan-Gesellschaft im Einvernehmen mit den Bezirksämtern in öffentlichen Bedürfnisanstalten, Bedürfnisanstalten der Badeanstalten und sonstigen von der Stadt bezeichneten Örtlichkeiten Automaten zum Verkauf von Schutzmitteln zur Verhütung von Geschlechtskrankheiten aufstellt. Der Vertrag belastet die Stadt in keiner Weise, sondern es ist vielmehr vereinbart, daß die genannte Gesellschaft auf den Umsatz einen Naturalbonus an die Stadt abführt. (…) Die Aufstellung muß nach den Vertragsbestimmungen so erfolgen, daß weder Sitte noch Anstand verletzt werden.

Die  Liberalität der Weimarer Gesellschaft darf aber auch nicht überschätzt werden. Die „Automatenfrage“ wurde kontrovers diskutiert und die Gegner der Präservativ-Automaten bzw. „Schmutzmittelautomaten“ waren durchaus zahlreich. Beispielhaft ist der Brief der Arbeitsgemeinschaft für Volksgesundung E.V. an den Reichsminister des Innern vom 7. März 1930, der im Folgenden auszugshaft wiedergegeben werden soll:

Die auszugsweise Veröffentlichung der Denkschrift über die Verhütung der Geschlechtskrankheiten durch Selbstschutz unter Berücksichtigung von Automaten, die von der „Einkaufsgesellschaft chirurgischer Gummiwarenhändler“ dem Reichsministerium des Innern eingereicht wurde, hat in weiten Kreisen berechtigtes Aufsehen erregt und eingehende Untersuchungen über die „Automatenfrage“ veranlasst.

Unsere Arbeitsgemeinschaft für Volksgesundung, in der mehr als 700 Wohlfahrts-, Frauen- und Jugendverbände, Behörden und führende sozial-ethische eingestellte Persönlichkeiten zusammengeschlossen sind, hat sich in ihrem Fachausschuss III mit dieser Angelegenheit eingehend (…) befasst.

(…)

Die grösste Gefahr der geplanten allgemeinen Aufstellung von Automaten liegt in der sittlichen Gefährdung der heranwachsenden Generation. Der aussereheliche Geschlechtsverkehr und die Benutzung der Prostitution wird damit als etwas Selbstverständliches hingestellt. Die Abstemplung der Schutzmittel als hygienischer Bedarfsartikel des täglichen Gebrauchs bedeutet nicht nur eine Herabwürdigung der Geschlechtsbetätigung als solche, sondern eine Entstellung ihrer letzten Sinngebung. Jede Steigerung des ausserehelichen Geschlechtsverkehrs bedeutet aber eine erhebliche Vermehrung der Infektionsmöglichkeit.

Besonders bedenklich erscheint uns die Tatsache, dass der Vertrieb dieser Mittel durch Automaten von wirtschaftlichen Interessengruppen schon heute mit ungeheurer Reklame und grossen Gewinnversprechungen betrieben wird. Wir verurteilen grundsätzlich jede gewerbliche Ausnutzung und jede Erleichterung des ausserehelichen Geschlechtsverkehrs.

(…)

Wir sind der festen Überzeugung, dass der Herr Reichsminister des Innern sich den hier geäusserten schweren Bedenken gegen die Aufstellung von Automaten aus sozialethischen Gründen nicht verschliessen wird und bitten den Herrn Reichsminister, die durch das Gesetz zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten vorgesehenen Möglichkeiten zu benutzen, um die geplante allgemeine Aufstellung von Automaten und dadurch eine weitere Verbreitung der Geschlechtskrankheiten zu verhindern. (…)

Der Brief ist den Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft für Volksgesundung E.V. Nr. 7 vom 8.3.1930 entnommen. Ähnliche Briefe richteten sich an andere Ministerien und zeigten auch Erfolg. So geht auf einen solchen Brief auch die Entscheidung des Preussischen Ministers für Handel und Gewerbe zurück, „wonach Automaten als offene Verkaufsstellen im Sinne der Bestimmungen der Gewerbeordnung gelten, sodass ein Vertrieb von Schutzmitteln durch Automaten nach Ladenschluss und am Sonntag unzulässsig ist“. (Mitteilungen der A.f.V. Nr.3 vom 9.2.1931)

Aber selbst heute finden sich ja noch pseudomoralische Eiferer, die sich über „Liberal-dekadente Kräfte des Kulturbolschewismus“ der Weimarer Gesellschaft aufregen können. So findet sich bei kreuz.net, dem Portal der „Kreuzritter der Dummheit“ (TAZ) bzw. „Katholischer Nachrichten“ (Selbstdarstellung), das u.a. auch Holocaustleugnern eine Plattform bietet, ein Artikel der sich über die durch den deutsch-jüdischen Fabrikanten Julius Fromm (s.o.) gesponserte „Sex-Welle der 1920er Jahre“ auslässt. Interessant an dem Artikel ist aber zumindestens, dass aus ihm hervorgeht, dass sich Kondome und Kondomautomaten auch in der Zeit des Nationalsozialismus weiter ausbreiteten, auch wenn man natürlich ersteinmal kritisch gegenüber allem, was in diesem Artikel gesagt wird, sein sollte, von der Wertung mal ganz abgesehen. Im übrigen haben die Nationalsozialisten noch 1930, bei der oben von der Neuköllnischen Zeitung behandelten Magistratssitzung die Aufstellung von Kondomautomaten „aus grundsätzlichen Erwägungen abgelehnt“.

Zur Rolle von Julius Fromm im Kondomgeschäft und im Nationalsozialismus gibt es bereits ein Buch: Götz Aly/ Michael Sontheimer, Fromms. Wie der jüdische Kondomfabrikant Julius F. unter die deutschen Räuber fiel, Frankfurt 2007.

Written by yesterdaywasfuture

Dezember 16, 2009 at 11:01 pm