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Kuchen-Kaiser und der PR-Journalismus

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Die Berichterstattung über das neueste Produkt des Hauses Apple, den iPad, ist ein gutes Beispiel dafür wie heutzutage Werbung und „Journalismus“ immer mehr verschwimmen.  Zunehmend finden PR-Texte und -Fotos ungefiltert den Weg in den „journalistischen“ Teil der Medien. Der freiberufliche Autor Hans Wille spricht in einem ca. 2 Jahre alten Beitrag zum PR-Journalismus (PR-Journalismus – der dritte Weg?) davon, dass heute rund 70 Prozent unserer Nachrichteninhalte von PR-Stellen initiiert werden. Doch der PR-Journalismus ist natürlich keine Erfindung unserer Zeit – deswegen ist er ja auch Thema dieses Blogs. Auf den Tag genau vor 79 Jahre machte die Neuköllnische Zeitung unkritisch einen anderen Hype mit – den Hype um den „Kuchen-Kaiser“:

„Kuchen-Kaiser“

am Oranienplatz in Berlin hat nach vollendeten Umbau heute seine sämtlichen Räume wieder in Betrieb genommen. Der gegenwärtige Besitzer Eugen Fluß übernahm die seit 1. April 1866 bestehende Firma am 1. Juli 1891 und führte an dieser

Stätte Altberliner Gemütlichkeit,

die seiner Zeit auch oft vom ersten Reichspräsidenten Friedrich Ebert besucht wurde, das damals in Berlin noch unbekannte Wiener Teegebäck und die so beliebt gewordene Eisbombe ein. Während es durch die Umgestaltung des Oranienplatzes verursachten Umbaues wurde der Betrieb, wenn auch in eingeschränktem Maße doch aufrecht erhalten. Mit imposanter Front reiht sich das Haus der Firma „Kuchen-Kaiser“ würdig in den Rahmen des Oranienplatzes ein. Für den Verkauf sind

helle, freundlich gehaltene Räume

geschaffen worden. Ein 25 Meter langer Ladentisch legt Zeugnis ab von der Riesenauswahl hochwertiger Konditoreifabrikate. In einer Spezial-Abteilung für den Verkauf von Konfekt findet man die Fabrikate allererster Firmen in Originalverpackungen und zu Originalpreisen. Alles, was die „süße Kunst“ hervorbringt, kann in diesen großen Räumen erstanden werden; man wird jedem Geschmack gerecht. Unter den Verkaufs- und Gasträumen beider Grundstücke befinden sich die gesamten Back- und Fabrikations-Anlagen. Durch reichliche Verwendung von Oberlicht sind praktische, helle und zweckmäßige Arbeitsräume geschaffen worden, unter Beobachtung der modernen Hygiene. Die Gasträume halten die alte Tradition der Gemütlichkeit aufrecht: Die Wände sind mit handgewebten Stoffen bespannt. Als innenarchitektonische Neuheit ist zum ersten Male eine geschickte Kombination von ganz modernen Gaderobenhaken und in zwei Richtungen beweglichen Wandarmen mit daran befindlichen Beleuchtungskörpern für die einzelnen Tische verwandt worden. Ein holzgetäfelte Raum, der im Bedarfsfalle durch eine neuartige „Teleskoptür“ aus Birkenholz vollständig von den anderen Gasträumen getrennt werden kann, eignet sich besonders als

Konferenz- und Sitzungszimmer

für kleinere Gesellschaften und Vereine. Im ersten Stockwerk des Hintergebäudes liegen die Büroräume: Die Telephonzentrale sowie die Bestellungsannahme mit eigenem Haus-Automaten modernsten Systems. Direkt von der Bestellungsannahme gelangen die eingehenden Bestellungen mittels elektrisch betriebener Bandpost in die im Erdgeschoß gelegene Expedition. Ein elektrisch betriebener Fahrstuhl bringt die fertigen Waren nach der Expedition und Versand. „Kuchen-Kaiser“ im neuen Gewande wird der alten Tradition getreu, stets eine Kulturstätte des guten Geschmacks und ein Treffpunkt des alten Berlins bleiben.

Aus der Neuköllnischen Zeitung vom 31.1.1931.

Über die Geschichte des Kuchen-Kaisers kann man auch auf dessen Blog einiges erfahren, wo es auch einen Link zu einer Diashow mit Fotos vom historischen Oranienplatz gibt. Unter dem Platz schlummert übrigens immer noch eine 1927 errichtete U-Bahnstation, wie dieser wikipedia-Eintrag zu berichten weiß.

Oranienplatz um die Jahrhundertwende

Oranienplatz, 1925

Written by yesterdaywasfuture

Januar 31, 2010 at 7:23 pm