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Ein Plädoyer für die Tempelhofer Freiheit

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Im Mai 2010 wurde das Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof für die Menschen freigegeben, nachdem es lange schien, als würde man diese zweibeinigen Wesen, denen grundsätzlich zu misstrauen ist (Drogenhandel und Vandalismus, vielleicht sogar Kinderlärm drohten!) lieber von dieser riesigen und damit nur schwer zu überwachenden Fläche fernhalten. Immer noch umgibt ein Zaun das Gelände, das nun den Namen Tempelhofer Park trägt, doch immerhin bekommt nun jedermensch Zutritt. Zumindest solange es hell ist und das Risiko massenhafter Übertretungen der Parkordnung noch kalkulierbar. Trotz Umzäunung und Öffnungszeiten ist dieses Stück freie Landschaft inmitten der Stadt schon kaum mehr wegzudenken, so einzigartig ist der freie Horizont für Berlin, so intensiv und vielfältig wird die Fläche bereits tagtäglich genutzt. Und doch gibt es bereits Pläne zur Bebauung. Zumindest die Randgebiete sollen bald für Gewerbe und Wohnungen erschlossen werden, vielleicht entsteht auch eine neue Landesbibliothek auf dem Gelände und spätestens die Internationale Gartenschau 2017 und die Internationale Bauausstellung 2020 werden das Gesicht des Tempelhofer Feldes nachhaltig verändern. (Über die aktuellen Entwicklungen hält folgende Seite auf dem Laufenden: www.tempelhofer-park.de/) Aktuell wird sogar über die Einrichtung einer Buslinie durch das Tempelhofer Feld diskutiert, wie u.a. die TAZ heute berichtet. Aus diesem Anlass möchte ich ein Plädoyer für einen Volkspark Tempelhofer Feld im Naturzustand veröffentlichen – ein Plädoyer aus dem Jahr 1924:

Volkspark Tempelhofer Feld.

Es war just kein wonnesames Frühlingsweben, als wir gestern mittag zu dem neuen Volkspark hinausfuhren, der auf dem Gelände der alten Schießstände auf dem Tempelhofer Feld entstanden ist. (…)

Aber in uns war Sonnenschein, ging ein heller Klang von fröhlicher Auferstehung und neuem Werden. Wir fahren durch den weißgrauen Schleier eines launischen Apriltages hindurch in eine frühlingsfrohe, von Jugendluft und Lebensfreude durchwehte Zukunftswelt. In ein Zukunftsbild, das nicht in nebelhafter Ferne lag, sondern schon vor uns erstand. Und wir konnten die stille, innere Freude des Mannes an unserer Seite begreifen und teilen, der jahrelang einen harten Kampf gegen starre Hindernisse durchgefochten hatte, um nun endlich die Früchte seiner zähen Arbeitsenergie reifen zu sehen. Drei Jahre hindurch hat Herr Stadtrat Schneider, der Dezernent des Neuköllner Jugendamtes, gegen den schier unüberwindlichen Wall militärischen Eigennutzes und Eigensinns und bürokratischer Gedankenverknöcherung kämpfen müssen, bevor es ihm gelang, den Rechten der Jugend und des arbeitenden Menschen eine Bresche zu schlagen. Nun ist der Stacheldraht der Paragraphen und Aktenbündel niedergelegt, und frei das Feld! Ein blinkend neuer natürlicher Stacheldraht reckt sich rings um das etwa 400000 Quadratmeter große Gelände und wehrt jedem Unberufenen den Zutritt zu dem neuen Gefilde der Jugend, zu dem Volkspark.

Volkspark? Bei dem Worte Park denkt man an schöne, geebnete, sorgfältig, geschnittene, sorgsam gehegte Wege, Beete und Sträucher. So darf man sich den Volkspark Tempelhofer Feld nicht vorstellen. Der urwüchsige, wechselvolle Baumbestand des alten Geländes mit seinem welligen Rasenboden bleibt unberührt, echter, unverminderte Waldduft soll den Erholungssuchenden empfangen, wie er uns gestern, rein und würzig, die Lungen erquickte, als wir zwischen den Kiefern, Birken und Akazien dahinschritten. Keine Baum- und Raumkunst – Natur, Natur!

Unsere Neuköllner Jugendlichen und ach so vielen Luft- und Lichtbedürftigen sollen nicht erst weite Strecken im Dunst und Dämmer der Bahn zurücklegen müssen, um auf beschwerlicher und bedrückender Rückfahrt gleich das wieder einzubüßen, was sie in kargen Stunden suchten und fanden. In unmittelbarer Nähe soll ihnen Gelegenheit zum Ausruhen, zur Stärkung der Nerven, zur Kräftigung ihres Körpers geboten werden. Die Neuköllner Einwohner, die Insassen der Stadt der Arbeit, sind zumeist nur reich an Mühen und Sorgen, sie können sich keine Bäderreisen und dergleichen mehr leisten, sie sind darauf angewiesen, auf billigste Art die jedem arbeitenden Menschen unbedingt nötige Erholung zu suchen.

(…) der Park ist, obwohl noch an seiner Vollendung gearbeitet wird, bereits freigegeben. Alt und jung kann sich nach Herzenslust tummeln (…) Auch eine ausgedehnte Spielwiese im Umfange von 30000 Quadratmeter ist vorhanden, die sich im Winter zur größten und schönsten Eisbahn Berlins verwandeln dürfte. Zum echten Wintersport gehört selbstverständlich auch eine Rodelbahn, an der bereits gebaut wird. Sie soll eine Länge von 330 Meter haben, man hat dann also nicht mehr nötig, in der Vorstellung seiner Gedankenwelt im Riesengebirge oder im Harz zu rodeln, sondern kann das Vergnügen in verwirklichter Gestalt dicht vor den Toren haben. Auch Tennisplätze sind vorgesehen, ebenso eine 150 Meter lange und etwa 20 Meter tiefe Freilichtbühne für Reigenaufführungen, Tänze und turnerische Darbietungen. Natürlich ist auch für des Leibes Notdurf und Nahrung gesorgt, in einer kleinen Waldschänke werden Getränke und kleine Imbisse verabfolgt. (…)

M.D.

Der Artikel erschien am 23. April 1924 in der Neuköllnischen Zeitung. Auch wenn ich nicht jede Meinung des Verfassers teile, zeigt der Artikel doch eins – die Tradition des Tempelhofer Feldes als ungekünstelte Parklandschaft ist alt und erhaltenswert. Der alte Volkspark Tempelhofer Feld bestand übrigens nur von 1921 bis 1927. Hoffentlich hat der neue Park eine längere Zukunft!

Written by yesterdaywasfuture

Januar 26, 2012 at 12:35 pm

Historische Schneeballschlacht im Görlitzer Park

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Heute waren wir bei einer grandiosen Schneeballschlacht im Görlitzer Park dabei (hier gibt es erste Videos und hier ein weiteres), bei dem der Kampf um die Vorherrschaft in Kreuzkölln ausgeworfen wurde und bei dem natürlich das alte, schlachtenerfahrene Kreuzberg einen grandiosen Sieg gegen das, von einigen abtrünnigen Kreuzbergern verstärkte, Neukölln eingefahren hat. (So sieht die Neuköllner Seite die Sache)

Um diesen Triumph gebührend zu würdigen und historisch richtig einzuordnen, folgt hier eine kleine Geschichte der Schneeball- und Revierschlachten.

Schneeballschlachten gab es es wohl in allen Schneekulturen der Welt schon seitdem die Menschen auf zwei Beinen gingen und daher die Hände frei zum Werfen hatten. Hier einige historische Bilder:

Alte japanische Schneeballschlacht

Postkarte aus dem Jahre 1904

Freund Fritz, Die Schneeballschlacht

Weltgeschichtliche Bedeutung erlangte Die Schneeballschlacht dagegen erst im Winter 1781. Zumindestens nach Abel Gance historischen Filmwerk Napoleon (1927) offenbarte in diesem Winter der junge Korse zum erstenmal seine strategischen Fähigkeiten – bei einer Schneeballschlacht an seinem Internat.

Danach sollten aber noch 2 Jahrhunderte vergehen, bis die Schneeballschlacht eine offizielle Würdigung erfuhr. Im Jahre 1992 schließlich erfuhr die Schneeballschlacht die Ehre, ein offizieller Demonstrationswettbewerb der Olympischen Spiele von Albertville zu sein. Der TAZ-Artikel „Die Schneebälle des Jules Leflêche“ von Matti Lieske (15.2.1992) berichtet vom Wettbewerb in La Lunate:

In einer wundervollen, exakt berechneten ballistischen Kurve fliegt der wohlgeformte, kugelrunde Schneeball durch die Luft und stürzt plötzlich steil nach links hernieder, genau auf den überraschten Eberhard Küchli aus Winterthur zu. Der versucht ein panisches Ausweichmanöver, doch zu spät: die vom französischen Superstar Jules Leflêche mit extremem Linkseffet geschleuderte Kugel streift ihn am linken Ohr und die fünf Kampfrichter schwenken einmütig ihr rotes Fähnchen, um einen gültigen Treffer anzuzeigen. Erzürnt bückt sich der getroffene Küchli, rafft eine Handvoll Schnee zusammen und wirft mit aller Gewalt nach Leflêche. Doch mit solch brachialen Methoden ist dem Lokalmatador nicht beizukommen. Ein eleganter Sidestep bringt ihn aus der Schußbahn, während sein Mannschaftskamerad Lucien Watteau dem nunmehr deckungslosen Schwyzer eine volle Ladung auf die Nase knallt. Sein dritter Schneekontakt, die Kampfrichter schwenken die 10, Küchlis Startnummer – der Schweizer Linksaußen ist ausgeschieden.

Jules Leflêche ist nicht nur Mannschaftskapitän und Seele des französischen Teams, er ist auch der Initiator des „Balle de neige“ und hat in den letzten Jahren keine Mühen gescheut, seinen Sport als Demonstrationswettbewerb der Olympischen Spiele von Albertville durchzusetzen. (…)

Es war allerdings nicht einfach, seinen Heimatort La Lunate zur Austragung dieser Disziplin zu bewegen. „Kinderkram“, befand der Gemeinderat, den zudem die horrenden Ausgaben für die erforderliche Schneeballarena schreckten. Es bedurfte ausgiebiger Überzeugungsarbeit, bis die Lokalpolitiker den Bau des extravaganten Stadions bewilligten, heute ein Schmuckstück des Ortes. Stilistisch einer Stierkampfarena nachempfunden, bietet es 5.000 Zuschauern Platz und soll in Zukunft für kulturelle Großereignisse wie die althergebrachten Passionsspiele in der Osterwoche und das traditionelle Bockshornjagen im Mai zur Verfügung stehen.

Zuerst waren jedoch jede Menge bürokratische Hindernisse zu überwinden. Die Grünen von La Lunate wandten sich vehement gegen die Verwendung von Kunstschnee und ließen sich auch durch eine drastische Schilderung der verheerenden Auswirkungen des Pulverschnees nicht beeindrucken. Erst das Versprechen, auf dem Vorplatz der Arena einen geräumigen Froschteich einzurichten, konnte sie zum Einlenken bewegen.

Probleme bereitete auch der Kunstschnee selbst. Im Pariser Pasteur-Institut gelang es erst nach mehrmonatigen Versuchsreihen, eine Schneeart herzustellen, die die zum Ballen erforderliche Pappigkeit aufweist, aber dennoch schädelbruchsicher ist. Auch die Entwicklung einer spezialbeschichteten Wettkampfkleidung, an der selbst beim leichtesten Streifschuß genügend Schneepartikel haftenbleiben, um den Treffer nachweisen zu können, konnte erst nach halbjähriger Forschungsarbeit mit befriedigendem Resultat abgeschlossen werden.

Mit unermüdlichem Einsatz räumte Jules Leflêche jedoch alle Hindernisse aus dem Weg, und als in Anwesenheit des IOC-Präsidenten Juan Antonio Samaranch die Vorrunde begann, herrschte in der vollbesetzten Arena bei Sonnenschein und exzellenten Schneeverhältnissen Festtagsstimmung. Das Eröffnungsmatch bestritten natürlich die Gastgeber, die wenig Mühe hatten, die Equipe aus Liechtenstein mit 11:0 vom Platz zu fegen. Als der letzte Vertreter aus dem Fürstentum das Feld räumen mußte, hatten die Franzosen noch sämtliche Akteure auf dem Feld.

Wesentlich schwieriger gestaltete sich das Viertelfinale gegen Schweden, wo es zum Eklat kam, als Mittelfeldstar Gunnar Hamrin aus Växjö wegen verbotenen Einseifens disqualifiziert wurde. Die schwedischen Hooligans auf den Rängen konnten sich mit dieser harten Entscheidung nicht abfinden, stürmten das Spielfeld, bemächtigten sich der Schneekanonen und deckten das Schiedsrichtergespann aus Palermo, dem sie geographische Inkompetenz unterstellten, mit mehreren Breitseiten ein. Erst, als der Schnee alle war, ebbte der Tumult ab und die Partie mußte für drei Stunden unterbrochen werden. Mit Neuschnee und neuen Schiedsrichtern ging es schließlich weiter; Frankreich siegte knapp mit 1:0, nachdem Jules Leflêche den gegnerischen Libero Mats Gunnarsson mit einem tückischen Rückhandheber an den Hinterkopf außer Gefecht gesetzt hatte.

Im Halbfinale bekamen es die Gastgeber mit dem Überraschungsteam aus China zu tun, das jedoch durch das wenige Stunden vorher erfolgte Verbot ihrer Spezialtechnik entscheidend geschwächt war. Eine eilig einberufene Sondersitzung der IOC-Schiedskommission hatte die bumerangförmigen Schneegebilde der Chinesen, mit denen sie bei günstigen Windverhältnissen manchmal gleich drei Kontrahenten zugleich ausschalten konnten, für unzulässig erklärt. Erlaubt seien nur Sportgeräte von „einigermaßen runder Form“. Das Aus für China, das sich mit 0:5 geschlagen geben mußte.

Das Finale gegen die Schweiz in Anwesenheit von Fran¿ois Mitterrand wurde schließlich zum Triumphzug für Jules Leflêche. Fünf Gegner beförderte er eigenhändig aus dem Match, zu dreien leistete er die Vorarbeit. Mit 48 Skorerpunkten war er der absolute Topstar des Turniers und vollbrachte sein Meisterstück, als er beim Matchball zum 8:0 den letzten verbliebenen Schweizer mit einem eigens für diesen Zweck bereitgelegten kürbisgroßen Schneetrumm zu Boden rammte. Ihren einzigartigen Erfolg feierten die französischen Schneeballer, humorvoll, wie sie nun mal sind, auf besonders ausgelassene Weise: gutgelaunt deckten sie unter dem Jubel der 5.000 Staatspräsident Mitterrand und seine Leibwächter mit Schneesalven ein, bis diese eiligst in ihrem Hubschrauber flüchteten.

Besonders begeisterte Zuschauer waren die Biathlon-Teams der verschiedenen Nationen, die nun ernsthaft erwägen, im Zuge der Entmilitarisierung ihres Sports künftig, anstatt zu schießen, mit Schneebällen auf die Zielscheiben zu werfen.

Schade eigentlich, dass es die Schneeballschlacht immer noch nicht ins offizielle Wettkampfprogramm geschafft hat, es wäre sicherlich eine vom Doping relativ unbelastete Sportart mit hohen Unterhaltungswert. Aber vielleicht kann ja die neue Mode der Flashmob-Schneeballschlacht wieder zu neuer Popularität der Schneeballschlacht beitragen. Nachdem im Dezember in den USA schon mehrere durch Twitter und ähnliche Medien organisierte Flashmob-Schneeballschlachten stattfanden, hat der Trend jetzt auch Berlin erreicht und so fanden an diesem Wochenende am Teufelsberg, im Mauerpark und eben im Görlitzer Park große Schneeballschlachten statt.

Schneeballschlacht am Times Square

Schneeballschlacht am Teufelsberg

Dabei handelte es sich jedoch nur bei der Schlacht im Görlitzer Park zugleich um einen Revierkampf, um den Kampf Kreuzberg vs. Neukölln. Der Revierkampf hat dabei fast schon eine so lange Geschichte wie die Schneeballschlacht. Bereits im 14. Jahrhundert lieferten sich etwa in Florenz jugendliche Revierbanden in der Zeit des Karnevals Schlägereien unter den Arnobrücken. 1380/90 lieferten sich etwa die beiden als `Berta´ und `Margoni´ bezeichneten Quartierbanden 50 Tage lang jeden Abend heftige Gefechte. (1)

Exemplarisch auch ein Bericht aus Köln aus dem Jahre 1810:

Oft sehen wir auf den Plätzen in den Straßen die Jugend heiße Schlachten fechten; denn feindselig standen sich die einzelnen Plätze, wie der Domhof, der Altenmarkt, der Heumarkt und der Augustinerplatz und die verschiedenen Schulen entgegen, und gar oft bricht dieser Haß unter den Knaben in wilde Treffen aus, bei denen Fenster und Straßenlaternen nicht verschont blieben und welche häufig das Einschreiten der Polizei nothwendig machten. (…) Diese im Sommer sich oft wiederholenden Knaben-Krawalle hatten die Folge, daß sich ein Knabe nicht ohne Begleitung aus seinem Bezirke in einen anderen wagte (…) (2)

Kaum anders sieht es 1931 in Moabit aus:

Eine große Keilerei spielte sich gestern in der Beusselstraße zwischen Schuljungen ab. Die Zahl der „Kämpfer“ wurde auf etwa 400 geschätzt und der Kampf nahm schließlich derartige Formen an, daß die Polizei eingreifen mußte. Zwischen den Jungen in der Gegend herrscht schon seit geraumer Zeit eine heftige Fehde, deren Ursache wohl dem Außenstehenden unerklärbar bleiben wird. (…) Die Jungen, zwischen zehn und vierzehn Jahre alt, rückten gegen 19 Uhr in geschlossenen Haufen zur Beusselstraße und gingen aufeinander los. Die Bewaffnung bestand aus Gummischläuchen, Stöcken, Riemen, Holsknüppeln und auch Scheintodpistolen. (3)

Erst seitdem die Älteren den Kindern den Revierkampf abgenommen haben, konnten zivilisiertere Wege gefunden werden, alte Bezirksrivalitäten zu klären. So findet schon seit Jahren auf der Oberbaumbrücke die legendäre zwischen Kreuzberg und Friedrichshain ausgetragene Gemüseschlacht statt und jetzt trifft man sich eben auch im Park um mit einer ordentlichen Portion Schnee etwaige Differenzen auszutragen…

(1) Dieter Baacke, Jugend und Jugendkulturen. Darstellung und Deutung, Weinheim und München 1999, S. 179f.

(2) J. Schlumbohn (Hrsg.), Kinderstuben. Wie Kinder zu Bauern, Bürgern, Aristokraten wurden 1700-1850, München 1983, 222.

(3) „Straßenschlacht“ in der Beusselstraße. (Neuköllnische Zeitung, 21.4.1931)

Written by yesterdaywasfuture

Januar 10, 2010 at 5:36 pm

Sturmvogel – Nazis und Namen

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Nazis,

heute habe ich einen Artikel der TAZ über eure Gruppe „Sturmvogel – deutscher Jugendbund“ gelesen. Der Zweck dieser Gruppe ist u.a euren armen Kindern eure abscheuliche Weltsicht zu indoktrinieren. So weit, so schlecht.

Was mich jetzt aber interessiert – auf welche historischen Sturmvögel beruft ihr euch jetzt eigentlich?

Ist es der 1929 gegründete (sozialdemokratische) Flugverband der Werktätigen e.V. „Sturmvogel“, der gegen Ende der Weimarer Republik auch den einfachen Arbeitern das Erlebnis Fliegen nahe bringen wollte und darüber hinaus das Flugzeug im Dienst des friedlichen Luftverkehrs als ein Instrument der Völkerverständigung ansah? (Obwohl der „Sturmvogel“ zehntausende Mitglieder hatte und in der Öffentlichkeit der Weimarer Republik große Beachtung fand, so bin ich etwa bei meinen Zeitungsrecherchen auf Dutzende Artikel zum „Sturmvogel“ gestoßen, gibt es zu ihm bisher keinen wikipedia-Eintrag und das Internet weiß allgemein wenig über ihn auszusagen.)

Oder ist es der Wanderverein Sturmvogel, der aus über 100 ehemaligen RFB-Kämpfern bestand und als Schutztruppe der Linken Opposition der KPD (LO) in Oranienburg fungierte und über den Peter Berens (1) schreibt:

„Schon 1929, vor ihrem Ausschluß aus der KPD, hatten Aktivisten des Sturmvogel SA-Mitglieder verprügelt. (…) Als am 30. Januar 1930 die SA in Oranienburg einen Fackelzug zur Ernennung Hitlers als Reichskanzler veranstaltete, zog ihr die Organisation Sturmvogel entgegen. Es kam zu einer schweren Straßenschlacht, bei der acht SA-Leute krankenhausreif geschlagen wurden. Die Nationalsozialisten mussten ihre Feier unter starkem Polizeiaufgebot im Saal abhalten.“

Oder beruft ihr euch auf die Wilden Cliquen Berlins? Von denen gaben sich in den Zwanzigern und Dreißigern mehrmals welche den Namen „Sturmvogel“. Hat euch vielleicht diese überlieferte Aussage eines Sturmvogel-Mitglieds zur Namensgebung angeregt?

„Clique Sturmvogel is janz berühmt, det ist meine Clique. Wir hatten eine Klopperei mit so`n christlichen Verein! Denen haben wir aber scheen ihre dämlichen Wimpel kaputt jemacht ! Die ham wa aber schnaffte mit`n Klammerbeutel jepudert! Der janze Rummelplatz bei uns is auf Seiten der Cliquen, die helfen uns alle, wenn`t Schütte jibt mit`n Jannis und Nazis!“ (2)

Aber wahrscheinlich wisst ihr gar nicht, was Wilde Cliquen sind oder waren. Damit ihr aber eine Idee davon bekommt, wem ihr da den Namen gestohlen habt, hier mal ein beliebtes Cliquenlied:

Grün-Weiß-Grün sind unsere Farben,

Grün-Weiß-Grün ist unser Stolz

Wenn wir Latscher (3) sehen,

dann jibt es Keile;

wenn wir Nazis sehen,

dann jibt`s Kleinholz.

In diesem Sinne.

(1) Peter Berens, Trotzkisten gegen Hitler, Köln 2007, S.59.

(2) Zitat aus: Gertrud Staewen-Ordemann, Menschen der Unordnung. Die proletarische Wirklichkeit im Arbeitsschicksal der ungelernten Großstadtjugend, Berlin 1933, S.129.

(3) Als Latscher wurden von den Wilden Cliquen u.a. die Mitglieder der Bündischen Jugend bezeichnet, auf die sich der Sturmvogel – deutscher Jugendbund ja offiziell beruft.

Written by yesterdaywasfuture

Januar 7, 2010 at 10:11 pm