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Archive for the ‘Wilde Cliquen’ Category

Der Skandal von der Edelweiss-Kaserne: Man hätte es wissen können

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„Ekel-Mutproben und bizzare Rituale in der Edelweiss-Kaserne“, schreibt die Bild und auch die anderen Medien zeigen sich pikiert und überrascht über die Vorgänge bei den „Gebirgsjägern“. Doch man hätte es wissen können. Bereits 1931 schrieb Christine Fournier über seltsame Aufnahmerituale für all diejenigen, die sich den Edelweiss-Trägern anschließen wollten:

Es „werden dem Lehrling interessantere Aufgaben gestellt, wie zum Beispiel: coram publico, in einem bestimmten Zeitraum einen Koitus zu vollenden, während der Cliquenbulle, mit der Stoppuhr in der Hand, Kontrolle übt. Oder, ebenfalls vor versammeltem Publikum, Masturbations- oder onanistische Handlungen auszuführen, kurz sich auf mannigfaltige Weise exhibitonistisch auszuleben. Sehr häufig werden die Lehrlinge nackt ausgezogen, gefesselt und mit Kot und Urin beschmiert. Zu schweigen vom Cliquentauffraß, den die Lehrlinge einnehmen müssen. Dies sind keine Märchen sondern Tatsachen; ich selbst habe Photos solcher Taufszenen gesehen. Jene Triebentfaltung der ersten Kindheit, die beim sogenannten normalen Jugendlichen längst in Vergessenheit begraben, in andre Formen der Erotik umgesetzt ist, hier, bei den Verwahrlosten, lebt sie infolge ihrer psychischen Defekte wieder auf, das Unbewußte wird Realität.“ (1)

So schreibt Christine Fournier über jene „Wilde Cliquen“, deren Erkennungszeichen das Edelweiss war und die die  Vorgänger der späteren „Edelweisspiraten“ waren. Nun muss man aber dazu sagen, dass es bei der von Fournier dargebrachten Geschichte größtenteils um eine Legende handelt, zumal der ganze dazugehörige Artikel eine Skandalaufmachung hat. 99% der ca. 600 damals in Berlin existenten Wilden Cliquen kannten überhaupt keine Aufnahmerituale oder eher harmlose Mutproben und Taufrituale, die z.B. darin bestanden, dass der Neuling in kompletter Kleidung in den See geworfen wurde oder sich mit dem Stärksten der Gruppe einen Boxkampf liefern musste. Aber vielleicht haben sich ja die Gebirgsjäger der Edelweißkaserne diese Legende zum Vorbild genommen…

Vielleicht haben sie ihre Aufnahmerituale aber auch einfach bei Hells-Angels und Konsorten abgekupfert. Die haben zumindestens in den 60ern und 70ern ebenfalls derartige Taufrituale gekannt. Nett z.B. das 1966 durchgeführte Aufnahmeritual einer amerikanischen Hells Angels – Gruppe:

„Jeder Anwärter trägt bei seiner Initiation eine neue Levisjeans und eine passende Jacke, an der die Ärmel abgeschnitten sind und auf deren Rückseite das Emblem ohne den Schriftzug angebracht ist. Die Aufnahmezeremonie ist von Chapter zu Chapter unterschiedlich, wobei die Hauptsache immer in der Verunreinigung der Uniform des Initianten besteht. Während der Veranstaltung wird ein Kübel mit Kot und Urin gefüllt. Dieser wird dem Anwärter in einer feierlichen Zeremonie über den Kopf geschüttet. Oder dem Betreffenden werden die Kleider ausgezogen, die von den anderen in den Schlamm gewühlt werden. Er selbst steht nackt da, während der Kübel über ihm ausgegossen wird.“ (2)

Harte Jungs und Männer scheinen eben auf so Zeug zu stehen.

(1) Christine Fournier, Ringvereine der Jugend, in: Die Weltbühne, 27.Jg., 1931, S.93.

(2) Titus Simon, Raufhändel und Randale. Sozialgeschichte aggressiver Jugendkulturen und pädagogischer Bemühungen vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Weinheim/München 1996, S.165ff.

Sturmvogel – Nazis und Namen

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Nazis,

heute habe ich einen Artikel der TAZ über eure Gruppe „Sturmvogel – deutscher Jugendbund“ gelesen. Der Zweck dieser Gruppe ist u.a euren armen Kindern eure abscheuliche Weltsicht zu indoktrinieren. So weit, so schlecht.

Was mich jetzt aber interessiert – auf welche historischen Sturmvögel beruft ihr euch jetzt eigentlich?

Ist es der 1929 gegründete (sozialdemokratische) Flugverband der Werktätigen e.V. „Sturmvogel“, der gegen Ende der Weimarer Republik auch den einfachen Arbeitern das Erlebnis Fliegen nahe bringen wollte und darüber hinaus das Flugzeug im Dienst des friedlichen Luftverkehrs als ein Instrument der Völkerverständigung ansah? (Obwohl der „Sturmvogel“ zehntausende Mitglieder hatte und in der Öffentlichkeit der Weimarer Republik große Beachtung fand, so bin ich etwa bei meinen Zeitungsrecherchen auf Dutzende Artikel zum „Sturmvogel“ gestoßen, gibt es zu ihm bisher keinen wikipedia-Eintrag und das Internet weiß allgemein wenig über ihn auszusagen.)

Oder ist es der Wanderverein Sturmvogel, der aus über 100 ehemaligen RFB-Kämpfern bestand und als Schutztruppe der Linken Opposition der KPD (LO) in Oranienburg fungierte und über den Peter Berens (1) schreibt:

„Schon 1929, vor ihrem Ausschluß aus der KPD, hatten Aktivisten des Sturmvogel SA-Mitglieder verprügelt. (…) Als am 30. Januar 1930 die SA in Oranienburg einen Fackelzug zur Ernennung Hitlers als Reichskanzler veranstaltete, zog ihr die Organisation Sturmvogel entgegen. Es kam zu einer schweren Straßenschlacht, bei der acht SA-Leute krankenhausreif geschlagen wurden. Die Nationalsozialisten mussten ihre Feier unter starkem Polizeiaufgebot im Saal abhalten.“

Oder beruft ihr euch auf die Wilden Cliquen Berlins? Von denen gaben sich in den Zwanzigern und Dreißigern mehrmals welche den Namen „Sturmvogel“. Hat euch vielleicht diese überlieferte Aussage eines Sturmvogel-Mitglieds zur Namensgebung angeregt?

„Clique Sturmvogel is janz berühmt, det ist meine Clique. Wir hatten eine Klopperei mit so`n christlichen Verein! Denen haben wir aber scheen ihre dämlichen Wimpel kaputt jemacht ! Die ham wa aber schnaffte mit`n Klammerbeutel jepudert! Der janze Rummelplatz bei uns is auf Seiten der Cliquen, die helfen uns alle, wenn`t Schütte jibt mit`n Jannis und Nazis!“ (2)

Aber wahrscheinlich wisst ihr gar nicht, was Wilde Cliquen sind oder waren. Damit ihr aber eine Idee davon bekommt, wem ihr da den Namen gestohlen habt, hier mal ein beliebtes Cliquenlied:

Grün-Weiß-Grün sind unsere Farben,

Grün-Weiß-Grün ist unser Stolz

Wenn wir Latscher (3) sehen,

dann jibt es Keile;

wenn wir Nazis sehen,

dann jibt`s Kleinholz.

In diesem Sinne.

(1) Peter Berens, Trotzkisten gegen Hitler, Köln 2007, S.59.

(2) Zitat aus: Gertrud Staewen-Ordemann, Menschen der Unordnung. Die proletarische Wirklichkeit im Arbeitsschicksal der ungelernten Großstadtjugend, Berlin 1933, S.129.

(3) Als Latscher wurden von den Wilden Cliquen u.a. die Mitglieder der Bündischen Jugend bezeichnet, auf die sich der Sturmvogel – deutscher Jugendbund ja offiziell beruft.

Written by yesterdaywasfuture

Januar 7, 2010 at 10:11 pm