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Sturmvogel – Nazis und Namen

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Nazis,

heute habe ich einen Artikel der TAZ über eure Gruppe „Sturmvogel – deutscher Jugendbund“ gelesen. Der Zweck dieser Gruppe ist u.a euren armen Kindern eure abscheuliche Weltsicht zu indoktrinieren. So weit, so schlecht.

Was mich jetzt aber interessiert – auf welche historischen Sturmvögel beruft ihr euch jetzt eigentlich?

Ist es der 1929 gegründete (sozialdemokratische) Flugverband der Werktätigen e.V. „Sturmvogel“, der gegen Ende der Weimarer Republik auch den einfachen Arbeitern das Erlebnis Fliegen nahe bringen wollte und darüber hinaus das Flugzeug im Dienst des friedlichen Luftverkehrs als ein Instrument der Völkerverständigung ansah? (Obwohl der „Sturmvogel“ zehntausende Mitglieder hatte und in der Öffentlichkeit der Weimarer Republik große Beachtung fand, so bin ich etwa bei meinen Zeitungsrecherchen auf Dutzende Artikel zum „Sturmvogel“ gestoßen, gibt es zu ihm bisher keinen wikipedia-Eintrag und das Internet weiß allgemein wenig über ihn auszusagen.)

Oder ist es der Wanderverein Sturmvogel, der aus über 100 ehemaligen RFB-Kämpfern bestand und als Schutztruppe der Linken Opposition der KPD (LO) in Oranienburg fungierte und über den Peter Berens (1) schreibt:

„Schon 1929, vor ihrem Ausschluß aus der KPD, hatten Aktivisten des Sturmvogel SA-Mitglieder verprügelt. (…) Als am 30. Januar 1930 die SA in Oranienburg einen Fackelzug zur Ernennung Hitlers als Reichskanzler veranstaltete, zog ihr die Organisation Sturmvogel entgegen. Es kam zu einer schweren Straßenschlacht, bei der acht SA-Leute krankenhausreif geschlagen wurden. Die Nationalsozialisten mussten ihre Feier unter starkem Polizeiaufgebot im Saal abhalten.“

Oder beruft ihr euch auf die Wilden Cliquen Berlins? Von denen gaben sich in den Zwanzigern und Dreißigern mehrmals welche den Namen „Sturmvogel“. Hat euch vielleicht diese überlieferte Aussage eines Sturmvogel-Mitglieds zur Namensgebung angeregt?

„Clique Sturmvogel is janz berühmt, det ist meine Clique. Wir hatten eine Klopperei mit so`n christlichen Verein! Denen haben wir aber scheen ihre dämlichen Wimpel kaputt jemacht ! Die ham wa aber schnaffte mit`n Klammerbeutel jepudert! Der janze Rummelplatz bei uns is auf Seiten der Cliquen, die helfen uns alle, wenn`t Schütte jibt mit`n Jannis und Nazis!“ (2)

Aber wahrscheinlich wisst ihr gar nicht, was Wilde Cliquen sind oder waren. Damit ihr aber eine Idee davon bekommt, wem ihr da den Namen gestohlen habt, hier mal ein beliebtes Cliquenlied:

Grün-Weiß-Grün sind unsere Farben,

Grün-Weiß-Grün ist unser Stolz

Wenn wir Latscher (3) sehen,

dann jibt es Keile;

wenn wir Nazis sehen,

dann jibt`s Kleinholz.

In diesem Sinne.

(1) Peter Berens, Trotzkisten gegen Hitler, Köln 2007, S.59.

(2) Zitat aus: Gertrud Staewen-Ordemann, Menschen der Unordnung. Die proletarische Wirklichkeit im Arbeitsschicksal der ungelernten Großstadtjugend, Berlin 1933, S.129.

(3) Als Latscher wurden von den Wilden Cliquen u.a. die Mitglieder der Bündischen Jugend bezeichnet, auf die sich der Sturmvogel – deutscher Jugendbund ja offiziell beruft.

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Written by yesterdaywasfuture

Januar 7, 2010 at 10:11 pm

Die Hand mit dem Bierbauch

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Während die Börsianer in den letzten Tagen eines jeden Jahres von einer Jahresendrally der Börsen-Indexe träumen, erlebt unsereins meist nur eine Jahresendrally des Body-Mass-Indexes. Und so wundert es nicht, dass nach dem Freßmarathon durch Adventsplätzchen, Weinachtsgans und Silvester-Raclette das Thema Abnehmen wieder ganz oben auf der Agenda (2010) steht. Bevor ihr aber jetzt mit der Wunder-Diät anfangt, lest erstmal folgenden warnenden Beitrag von Dr. Köthe Heller – vielleicht ist euer Bauch auch einfach nur eine Folge von Veranlagung und euch droht durch die Diät ein grausamer Hungertod!

Aus der Neuköllnischen Zeitung vom 14. Januar 1933:

Können Dicke verhungern?

Auch ein Beitrag zum Thema „Schlankheitskuren“

Von Dr. Köthe Heller

Man hat das Ende der schlanken Linie allzu früh bejubelt. Sie überlegte es sich – und blieb. Und heute hört man nach wie vor Vieles und Verschiedenartiges von erfolgreichen und erfolglosen Schlankheitskuren, wobei in der Mehrzahl der Fälle die Erfolglosigkeit beklagt wird.

Wieder einmal Anlaß, darauf hinzuweisen, daß sehr häufig die Neigung, Fett anzusetzen, im Organ und seiner Veranlagung begründet ist. Sie glauben es nicht? Sie sind der Meinung, mit rigorosem Vorgehen, mit Hungerkuren und anderen Quälereien die Naturgesetze über den Haufen werfen zu können? Eine kleine Geschichte, die fast unwahrscheinlich klingt, und doch wahr ist, mag Sie eines Besseren belehren.

Ein junger Mann zog sich eine eine empfindliche Verletzung der Hand zu. Es ergab sich die Notwendigkeit, ein Stück Haut, das durch die Verletzung fortgerissen war, wieder einzusetzen, wollte man nicht eine entstellende Narbe auf der Hand zurücklassen. Man nahm ein entsprechendes Stück Haut aus einer Körperstelle, wo es am entbehrlichsten schien: aus der Bauchdecke. Alles verlief nach Wunsch – die Hand heilte mitsamt dem chirurgisch eingesetzten Hautflicken, und alles schien in schönster Ordnung.

Bis nach einiger Zeit der junge Mann in die Jahre kam, die man als die „besseren“ zu bezeichnen pflegt, diese Jahre, die sich zumeist durch eine Neigung zum Fettansatz auszeichnen. Der Mann bekam ein rundes, hübsches Bäuchlein, jedoch leider nicht nur an der Stelle, wo dieses Bäuchlein seine Berechtigung hat, sondern auch – auf dem Handrücken, wo vor Jahren ein Stückchen Bauchdecke eingesetzt wurde. Dort bildete sich ein unverkennbares Fettpolster, das die schlanke, gerade Hand zu verunzieren begann.

Diese kleine Geschichte, so unglaublich sie klingt, ist dennoch ein praktischer Beweis für das Naturgesetz von der unbeirrbaren Lehre der Veranlagung, der Konstitution. In der Mehrzahl der Fälle von Fettsucht ist nicht an eine Störung der Hormondrüsen, noch an eine Verschiebung der Bilanz zwischen Energiezufuhr zu denken. Fettsucht und Magerkeit sind Anlagen. Es gibt genügend hagere Menschen, die ungeahnte Mengen nahhafter Speisen zu sich nehmen können – ohne je auch nur ein Gramm zuzunehmen. Und Dicke wiederum, die sich mit Entfettungskuren, mit Hunger und Durst herumquälen und dennoch dick bleiben. Anlage! Schränkt man bei fettleibigen Menschen die Nahrungsration ein, so können zwei Reaktionen eintreten: sie werden entkräftet, leistungsunfähig – ja, sie können sogar verhungern und bleiben dennoch immer dick. Die Fähigkeit der dazu disponierten Organe, Fett zu bilden, ist so stark, daß sie rücksichtslos alle Nahrungsstoffe an sich reißen, um daraus Fett zu bilden. Daher kommt es, daß die anderen lebenswichtigen Organe „verhungern“ können.

Es ist somit die Gefahr erklärlich, die besteht, wenn Menschen, die zu Fettansatz neigen, eigenmächtig Schlankheitskuren vorzunehmen beginnen. In jedem Falle muß der Arzt feststellen, um welche Art von Konstitution es sich handelt, ehe ein von ihm angeordneter Weg zur Abmagerung eingeschlagen wird – wenn eine solche Möglichkeit gegeben ist.

Written by yesterdaywasfuture

Januar 1, 2010 at 5:29 pm