Das Neueste von Gestern

Geschichten aus Berlin und der Welt von Gestern

Archive for the ‘Berlin’ Category

Ein Plädoyer für die Tempelhofer Freiheit

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Im Mai 2010 wurde das Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof für die Menschen freigegeben, nachdem es lange schien, als würde man diese zweibeinigen Wesen, denen grundsätzlich zu misstrauen ist (Drogenhandel und Vandalismus, vielleicht sogar Kinderlärm drohten!) lieber von dieser riesigen und damit nur schwer zu überwachenden Fläche fernhalten. Immer noch umgibt ein Zaun das Gelände, das nun den Namen Tempelhofer Park trägt, doch immerhin bekommt nun jedermensch Zutritt. Zumindest solange es hell ist und das Risiko massenhafter Übertretungen der Parkordnung noch kalkulierbar. Trotz Umzäunung und Öffnungszeiten ist dieses Stück freie Landschaft inmitten der Stadt schon kaum mehr wegzudenken, so einzigartig ist der freie Horizont für Berlin, so intensiv und vielfältig wird die Fläche bereits tagtäglich genutzt. Und doch gibt es bereits Pläne zur Bebauung. Zumindest die Randgebiete sollen bald für Gewerbe und Wohnungen erschlossen werden, vielleicht entsteht auch eine neue Landesbibliothek auf dem Gelände und spätestens die Internationale Gartenschau 2017 und die Internationale Bauausstellung 2020 werden das Gesicht des Tempelhofer Feldes nachhaltig verändern. (Über die aktuellen Entwicklungen hält folgende Seite auf dem Laufenden: www.tempelhofer-park.de/) Aktuell wird sogar über die Einrichtung einer Buslinie durch das Tempelhofer Feld diskutiert, wie u.a. die TAZ heute berichtet. Aus diesem Anlass möchte ich ein Plädoyer für einen Volkspark Tempelhofer Feld im Naturzustand veröffentlichen – ein Plädoyer aus dem Jahr 1924:

Volkspark Tempelhofer Feld.

Es war just kein wonnesames Frühlingsweben, als wir gestern mittag zu dem neuen Volkspark hinausfuhren, der auf dem Gelände der alten Schießstände auf dem Tempelhofer Feld entstanden ist. (…)

Aber in uns war Sonnenschein, ging ein heller Klang von fröhlicher Auferstehung und neuem Werden. Wir fahren durch den weißgrauen Schleier eines launischen Apriltages hindurch in eine frühlingsfrohe, von Jugendluft und Lebensfreude durchwehte Zukunftswelt. In ein Zukunftsbild, das nicht in nebelhafter Ferne lag, sondern schon vor uns erstand. Und wir konnten die stille, innere Freude des Mannes an unserer Seite begreifen und teilen, der jahrelang einen harten Kampf gegen starre Hindernisse durchgefochten hatte, um nun endlich die Früchte seiner zähen Arbeitsenergie reifen zu sehen. Drei Jahre hindurch hat Herr Stadtrat Schneider, der Dezernent des Neuköllner Jugendamtes, gegen den schier unüberwindlichen Wall militärischen Eigennutzes und Eigensinns und bürokratischer Gedankenverknöcherung kämpfen müssen, bevor es ihm gelang, den Rechten der Jugend und des arbeitenden Menschen eine Bresche zu schlagen. Nun ist der Stacheldraht der Paragraphen und Aktenbündel niedergelegt, und frei das Feld! Ein blinkend neuer natürlicher Stacheldraht reckt sich rings um das etwa 400000 Quadratmeter große Gelände und wehrt jedem Unberufenen den Zutritt zu dem neuen Gefilde der Jugend, zu dem Volkspark.

Volkspark? Bei dem Worte Park denkt man an schöne, geebnete, sorgfältig, geschnittene, sorgsam gehegte Wege, Beete und Sträucher. So darf man sich den Volkspark Tempelhofer Feld nicht vorstellen. Der urwüchsige, wechselvolle Baumbestand des alten Geländes mit seinem welligen Rasenboden bleibt unberührt, echter, unverminderte Waldduft soll den Erholungssuchenden empfangen, wie er uns gestern, rein und würzig, die Lungen erquickte, als wir zwischen den Kiefern, Birken und Akazien dahinschritten. Keine Baum- und Raumkunst – Natur, Natur!

Unsere Neuköllner Jugendlichen und ach so vielen Luft- und Lichtbedürftigen sollen nicht erst weite Strecken im Dunst und Dämmer der Bahn zurücklegen müssen, um auf beschwerlicher und bedrückender Rückfahrt gleich das wieder einzubüßen, was sie in kargen Stunden suchten und fanden. In unmittelbarer Nähe soll ihnen Gelegenheit zum Ausruhen, zur Stärkung der Nerven, zur Kräftigung ihres Körpers geboten werden. Die Neuköllner Einwohner, die Insassen der Stadt der Arbeit, sind zumeist nur reich an Mühen und Sorgen, sie können sich keine Bäderreisen und dergleichen mehr leisten, sie sind darauf angewiesen, auf billigste Art die jedem arbeitenden Menschen unbedingt nötige Erholung zu suchen.

(…) der Park ist, obwohl noch an seiner Vollendung gearbeitet wird, bereits freigegeben. Alt und jung kann sich nach Herzenslust tummeln (…) Auch eine ausgedehnte Spielwiese im Umfange von 30000 Quadratmeter ist vorhanden, die sich im Winter zur größten und schönsten Eisbahn Berlins verwandeln dürfte. Zum echten Wintersport gehört selbstverständlich auch eine Rodelbahn, an der bereits gebaut wird. Sie soll eine Länge von 330 Meter haben, man hat dann also nicht mehr nötig, in der Vorstellung seiner Gedankenwelt im Riesengebirge oder im Harz zu rodeln, sondern kann das Vergnügen in verwirklichter Gestalt dicht vor den Toren haben. Auch Tennisplätze sind vorgesehen, ebenso eine 150 Meter lange und etwa 20 Meter tiefe Freilichtbühne für Reigenaufführungen, Tänze und turnerische Darbietungen. Natürlich ist auch für des Leibes Notdurf und Nahrung gesorgt, in einer kleinen Waldschänke werden Getränke und kleine Imbisse verabfolgt. (…)

M.D.

Der Artikel erschien am 23. April 1924 in der Neuköllnischen Zeitung. Auch wenn ich nicht jede Meinung des Verfassers teile, zeigt der Artikel doch eins – die Tradition des Tempelhofer Feldes als ungekünstelte Parklandschaft ist alt und erhaltenswert. Der alte Volkspark Tempelhofer Feld bestand übrigens nur von 1921 bis 1927. Hoffentlich hat der neue Park eine längere Zukunft!
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Written by yesterdaywasfuture

Januar 26, 2012 at 12:35 pm

Das Neueste von Gestern – als Zeitungsabo

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Das Neueste von Gestern gibt es jetzt nicht nur sehr unregelmäßig in diesem Blog, sondern auch jeden Tag pünktlich um 17 Uhr – frisch im (e-)Postkasten. Denn die Universität Würzburg bzw. deren Lehrstuhl für neuere deutsche Literatur- und Ideengeschichte verschickt bereits seit dem 1. Oktober anlässlich des 200jährigen Jubiläums jeden Tag an Interessenten die „Berliner Abendblätter“. Diese „erste“ Tageszeitung Deutschlands erschien zwar nur exakt sechs Monate, sollte aber  „für die Literatur des gesamten 19. Jahrhunderts von eminenter Bedeutung sein“, „insofern mit ihm Tagesjournalismus und literarische Produktion eine neue, bis dahin unbekannte Verbindung eingehen“. Das zumindest meinen Roland Borgars und Fotis Jannidis, die für das Jubiläumsprojekt zuständig sind. Für das neuerliche Interesse an den „Berliner Abendblätter“ ist aber vor allem deren Macher verantwortlich – es handelt sich um einen gewissen Heinrich von Kleist.

Ich bin jedenfalls schon auf meine erste Ausgabe morgen gespannt (Sonntags erschienen und erscheinen die „Berliner Abendblätter“ nicht). Wer sich auch für das Neueste des Herbstes 1810 interessiert, kann die Zeitung unter folgender Adresse abonnieren: https://lists.uni-wuerzburg.de/mailman/listinfo/berliner.abendblaetter

Mehr Infos zu dem Projekt gibt es entweder auf der Institutsseite, bei der TAZ oder bei dem Recherchenblog.

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Oktober 24, 2010 at 12:12 pm

Und nun zum Wetter – oder: Warum früher alles besser war.

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Heute (15.1.2010) im Berlin-Teil der Taz:

Die S-Bahn muss ihr Angebot nochmals einschränken. Wie ein Bahnsprecher am Donnerstag mitteilte, müssen immer mehr Züge wegen technischer Störungen von der Schiene genommen werden. Derzeit fielen 100 Viertelzüge der Baureihe 481 mit defekten Fahrmotoren aus. Als Grund nannte der Bahnsprecher „konstruktionsbedingte Anstriebsstörungen“, die durch „Flugschnee“ und Kondenswasser verursacht würden. Auch in den nächsten Tagen sei „keine signifikante Entspannung der Situation“ zu erwarten.

(…) Derzeit sind nur 275 der rund 630 Viertelzüge der S-Bahn im Einsatz. Für den regulären Fahrbetrieb werden 550 Züge benötigt.

Dagegen aus dem „Berlin“-Teil des Vorwärts vom 26. Januar 1929:

Schnee überall.

8 Grad Kälte in Berlin.

Der starke Schneefall, der gestern abend einsetzte, hat die ganze Nacht hindurch angedauert. Nach einer Mitteilung des Amtlichen Wetterdienstes ist für Sonntag mit weiteren Schneefällen zu rechnen. Winterliches Wetter und leichter Frost heißt die Voraussage.

(…) Der Schnee hat in Berlin bisher zu wesentlichen Verkehrsstörungen nicht geführt. Im Straßenbahn-, Autobus- sowie Stadt- und Ringbahnverkehr sind Verzögerungen nicht zu verzeichnen. Auch der Fernverkehr konnte fahrplanmäßig durchgeführt werden. – (…)

Written by yesterdaywasfuture

Januar 15, 2010 at 9:23 pm

Historische Schneeballschlacht im Görlitzer Park

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Heute waren wir bei einer grandiosen Schneeballschlacht im Görlitzer Park dabei (hier gibt es erste Videos und hier ein weiteres), bei dem der Kampf um die Vorherrschaft in Kreuzkölln ausgeworfen wurde und bei dem natürlich das alte, schlachtenerfahrene Kreuzberg einen grandiosen Sieg gegen das, von einigen abtrünnigen Kreuzbergern verstärkte, Neukölln eingefahren hat. (So sieht die Neuköllner Seite die Sache)

Um diesen Triumph gebührend zu würdigen und historisch richtig einzuordnen, folgt hier eine kleine Geschichte der Schneeball- und Revierschlachten.

Schneeballschlachten gab es es wohl in allen Schneekulturen der Welt schon seitdem die Menschen auf zwei Beinen gingen und daher die Hände frei zum Werfen hatten. Hier einige historische Bilder:

Alte japanische Schneeballschlacht

Postkarte aus dem Jahre 1904

Freund Fritz, Die Schneeballschlacht

Weltgeschichtliche Bedeutung erlangte Die Schneeballschlacht dagegen erst im Winter 1781. Zumindestens nach Abel Gance historischen Filmwerk Napoleon (1927) offenbarte in diesem Winter der junge Korse zum erstenmal seine strategischen Fähigkeiten – bei einer Schneeballschlacht an seinem Internat.

Danach sollten aber noch 2 Jahrhunderte vergehen, bis die Schneeballschlacht eine offizielle Würdigung erfuhr. Im Jahre 1992 schließlich erfuhr die Schneeballschlacht die Ehre, ein offizieller Demonstrationswettbewerb der Olympischen Spiele von Albertville zu sein. Der TAZ-Artikel „Die Schneebälle des Jules Leflêche“ von Matti Lieske (15.2.1992) berichtet vom Wettbewerb in La Lunate:

In einer wundervollen, exakt berechneten ballistischen Kurve fliegt der wohlgeformte, kugelrunde Schneeball durch die Luft und stürzt plötzlich steil nach links hernieder, genau auf den überraschten Eberhard Küchli aus Winterthur zu. Der versucht ein panisches Ausweichmanöver, doch zu spät: die vom französischen Superstar Jules Leflêche mit extremem Linkseffet geschleuderte Kugel streift ihn am linken Ohr und die fünf Kampfrichter schwenken einmütig ihr rotes Fähnchen, um einen gültigen Treffer anzuzeigen. Erzürnt bückt sich der getroffene Küchli, rafft eine Handvoll Schnee zusammen und wirft mit aller Gewalt nach Leflêche. Doch mit solch brachialen Methoden ist dem Lokalmatador nicht beizukommen. Ein eleganter Sidestep bringt ihn aus der Schußbahn, während sein Mannschaftskamerad Lucien Watteau dem nunmehr deckungslosen Schwyzer eine volle Ladung auf die Nase knallt. Sein dritter Schneekontakt, die Kampfrichter schwenken die 10, Küchlis Startnummer – der Schweizer Linksaußen ist ausgeschieden.

Jules Leflêche ist nicht nur Mannschaftskapitän und Seele des französischen Teams, er ist auch der Initiator des „Balle de neige“ und hat in den letzten Jahren keine Mühen gescheut, seinen Sport als Demonstrationswettbewerb der Olympischen Spiele von Albertville durchzusetzen. (…)

Es war allerdings nicht einfach, seinen Heimatort La Lunate zur Austragung dieser Disziplin zu bewegen. „Kinderkram“, befand der Gemeinderat, den zudem die horrenden Ausgaben für die erforderliche Schneeballarena schreckten. Es bedurfte ausgiebiger Überzeugungsarbeit, bis die Lokalpolitiker den Bau des extravaganten Stadions bewilligten, heute ein Schmuckstück des Ortes. Stilistisch einer Stierkampfarena nachempfunden, bietet es 5.000 Zuschauern Platz und soll in Zukunft für kulturelle Großereignisse wie die althergebrachten Passionsspiele in der Osterwoche und das traditionelle Bockshornjagen im Mai zur Verfügung stehen.

Zuerst waren jedoch jede Menge bürokratische Hindernisse zu überwinden. Die Grünen von La Lunate wandten sich vehement gegen die Verwendung von Kunstschnee und ließen sich auch durch eine drastische Schilderung der verheerenden Auswirkungen des Pulverschnees nicht beeindrucken. Erst das Versprechen, auf dem Vorplatz der Arena einen geräumigen Froschteich einzurichten, konnte sie zum Einlenken bewegen.

Probleme bereitete auch der Kunstschnee selbst. Im Pariser Pasteur-Institut gelang es erst nach mehrmonatigen Versuchsreihen, eine Schneeart herzustellen, die die zum Ballen erforderliche Pappigkeit aufweist, aber dennoch schädelbruchsicher ist. Auch die Entwicklung einer spezialbeschichteten Wettkampfkleidung, an der selbst beim leichtesten Streifschuß genügend Schneepartikel haftenbleiben, um den Treffer nachweisen zu können, konnte erst nach halbjähriger Forschungsarbeit mit befriedigendem Resultat abgeschlossen werden.

Mit unermüdlichem Einsatz räumte Jules Leflêche jedoch alle Hindernisse aus dem Weg, und als in Anwesenheit des IOC-Präsidenten Juan Antonio Samaranch die Vorrunde begann, herrschte in der vollbesetzten Arena bei Sonnenschein und exzellenten Schneeverhältnissen Festtagsstimmung. Das Eröffnungsmatch bestritten natürlich die Gastgeber, die wenig Mühe hatten, die Equipe aus Liechtenstein mit 11:0 vom Platz zu fegen. Als der letzte Vertreter aus dem Fürstentum das Feld räumen mußte, hatten die Franzosen noch sämtliche Akteure auf dem Feld.

Wesentlich schwieriger gestaltete sich das Viertelfinale gegen Schweden, wo es zum Eklat kam, als Mittelfeldstar Gunnar Hamrin aus Växjö wegen verbotenen Einseifens disqualifiziert wurde. Die schwedischen Hooligans auf den Rängen konnten sich mit dieser harten Entscheidung nicht abfinden, stürmten das Spielfeld, bemächtigten sich der Schneekanonen und deckten das Schiedsrichtergespann aus Palermo, dem sie geographische Inkompetenz unterstellten, mit mehreren Breitseiten ein. Erst, als der Schnee alle war, ebbte der Tumult ab und die Partie mußte für drei Stunden unterbrochen werden. Mit Neuschnee und neuen Schiedsrichtern ging es schließlich weiter; Frankreich siegte knapp mit 1:0, nachdem Jules Leflêche den gegnerischen Libero Mats Gunnarsson mit einem tückischen Rückhandheber an den Hinterkopf außer Gefecht gesetzt hatte.

Im Halbfinale bekamen es die Gastgeber mit dem Überraschungsteam aus China zu tun, das jedoch durch das wenige Stunden vorher erfolgte Verbot ihrer Spezialtechnik entscheidend geschwächt war. Eine eilig einberufene Sondersitzung der IOC-Schiedskommission hatte die bumerangförmigen Schneegebilde der Chinesen, mit denen sie bei günstigen Windverhältnissen manchmal gleich drei Kontrahenten zugleich ausschalten konnten, für unzulässig erklärt. Erlaubt seien nur Sportgeräte von „einigermaßen runder Form“. Das Aus für China, das sich mit 0:5 geschlagen geben mußte.

Das Finale gegen die Schweiz in Anwesenheit von Fran¿ois Mitterrand wurde schließlich zum Triumphzug für Jules Leflêche. Fünf Gegner beförderte er eigenhändig aus dem Match, zu dreien leistete er die Vorarbeit. Mit 48 Skorerpunkten war er der absolute Topstar des Turniers und vollbrachte sein Meisterstück, als er beim Matchball zum 8:0 den letzten verbliebenen Schweizer mit einem eigens für diesen Zweck bereitgelegten kürbisgroßen Schneetrumm zu Boden rammte. Ihren einzigartigen Erfolg feierten die französischen Schneeballer, humorvoll, wie sie nun mal sind, auf besonders ausgelassene Weise: gutgelaunt deckten sie unter dem Jubel der 5.000 Staatspräsident Mitterrand und seine Leibwächter mit Schneesalven ein, bis diese eiligst in ihrem Hubschrauber flüchteten.

Besonders begeisterte Zuschauer waren die Biathlon-Teams der verschiedenen Nationen, die nun ernsthaft erwägen, im Zuge der Entmilitarisierung ihres Sports künftig, anstatt zu schießen, mit Schneebällen auf die Zielscheiben zu werfen.

Schade eigentlich, dass es die Schneeballschlacht immer noch nicht ins offizielle Wettkampfprogramm geschafft hat, es wäre sicherlich eine vom Doping relativ unbelastete Sportart mit hohen Unterhaltungswert. Aber vielleicht kann ja die neue Mode der Flashmob-Schneeballschlacht wieder zu neuer Popularität der Schneeballschlacht beitragen. Nachdem im Dezember in den USA schon mehrere durch Twitter und ähnliche Medien organisierte Flashmob-Schneeballschlachten stattfanden, hat der Trend jetzt auch Berlin erreicht und so fanden an diesem Wochenende am Teufelsberg, im Mauerpark und eben im Görlitzer Park große Schneeballschlachten statt.

Schneeballschlacht am Times Square

Schneeballschlacht am Teufelsberg

Dabei handelte es sich jedoch nur bei der Schlacht im Görlitzer Park zugleich um einen Revierkampf, um den Kampf Kreuzberg vs. Neukölln. Der Revierkampf hat dabei fast schon eine so lange Geschichte wie die Schneeballschlacht. Bereits im 14. Jahrhundert lieferten sich etwa in Florenz jugendliche Revierbanden in der Zeit des Karnevals Schlägereien unter den Arnobrücken. 1380/90 lieferten sich etwa die beiden als `Berta´ und `Margoni´ bezeichneten Quartierbanden 50 Tage lang jeden Abend heftige Gefechte. (1)

Exemplarisch auch ein Bericht aus Köln aus dem Jahre 1810:

Oft sehen wir auf den Plätzen in den Straßen die Jugend heiße Schlachten fechten; denn feindselig standen sich die einzelnen Plätze, wie der Domhof, der Altenmarkt, der Heumarkt und der Augustinerplatz und die verschiedenen Schulen entgegen, und gar oft bricht dieser Haß unter den Knaben in wilde Treffen aus, bei denen Fenster und Straßenlaternen nicht verschont blieben und welche häufig das Einschreiten der Polizei nothwendig machten. (…) Diese im Sommer sich oft wiederholenden Knaben-Krawalle hatten die Folge, daß sich ein Knabe nicht ohne Begleitung aus seinem Bezirke in einen anderen wagte (…) (2)

Kaum anders sieht es 1931 in Moabit aus:

Eine große Keilerei spielte sich gestern in der Beusselstraße zwischen Schuljungen ab. Die Zahl der „Kämpfer“ wurde auf etwa 400 geschätzt und der Kampf nahm schließlich derartige Formen an, daß die Polizei eingreifen mußte. Zwischen den Jungen in der Gegend herrscht schon seit geraumer Zeit eine heftige Fehde, deren Ursache wohl dem Außenstehenden unerklärbar bleiben wird. (…) Die Jungen, zwischen zehn und vierzehn Jahre alt, rückten gegen 19 Uhr in geschlossenen Haufen zur Beusselstraße und gingen aufeinander los. Die Bewaffnung bestand aus Gummischläuchen, Stöcken, Riemen, Holsknüppeln und auch Scheintodpistolen. (3)

Erst seitdem die Älteren den Kindern den Revierkampf abgenommen haben, konnten zivilisiertere Wege gefunden werden, alte Bezirksrivalitäten zu klären. So findet schon seit Jahren auf der Oberbaumbrücke die legendäre zwischen Kreuzberg und Friedrichshain ausgetragene Gemüseschlacht statt und jetzt trifft man sich eben auch im Park um mit einer ordentlichen Portion Schnee etwaige Differenzen auszutragen…

(1) Dieter Baacke, Jugend und Jugendkulturen. Darstellung und Deutung, Weinheim und München 1999, S. 179f.

(2) J. Schlumbohn (Hrsg.), Kinderstuben. Wie Kinder zu Bauern, Bürgern, Aristokraten wurden 1700-1850, München 1983, 222.

(3) „Straßenschlacht“ in der Beusselstraße. (Neuköllnische Zeitung, 21.4.1931)

Written by yesterdaywasfuture

Januar 10, 2010 at 5:36 pm

Sturmvogel – Nazis und Namen

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Nazis,

heute habe ich einen Artikel der TAZ über eure Gruppe „Sturmvogel – deutscher Jugendbund“ gelesen. Der Zweck dieser Gruppe ist u.a euren armen Kindern eure abscheuliche Weltsicht zu indoktrinieren. So weit, so schlecht.

Was mich jetzt aber interessiert – auf welche historischen Sturmvögel beruft ihr euch jetzt eigentlich?

Ist es der 1929 gegründete (sozialdemokratische) Flugverband der Werktätigen e.V. „Sturmvogel“, der gegen Ende der Weimarer Republik auch den einfachen Arbeitern das Erlebnis Fliegen nahe bringen wollte und darüber hinaus das Flugzeug im Dienst des friedlichen Luftverkehrs als ein Instrument der Völkerverständigung ansah? (Obwohl der „Sturmvogel“ zehntausende Mitglieder hatte und in der Öffentlichkeit der Weimarer Republik große Beachtung fand, so bin ich etwa bei meinen Zeitungsrecherchen auf Dutzende Artikel zum „Sturmvogel“ gestoßen, gibt es zu ihm bisher keinen wikipedia-Eintrag und das Internet weiß allgemein wenig über ihn auszusagen.)

Oder ist es der Wanderverein Sturmvogel, der aus über 100 ehemaligen RFB-Kämpfern bestand und als Schutztruppe der Linken Opposition der KPD (LO) in Oranienburg fungierte und über den Peter Berens (1) schreibt:

„Schon 1929, vor ihrem Ausschluß aus der KPD, hatten Aktivisten des Sturmvogel SA-Mitglieder verprügelt. (…) Als am 30. Januar 1930 die SA in Oranienburg einen Fackelzug zur Ernennung Hitlers als Reichskanzler veranstaltete, zog ihr die Organisation Sturmvogel entgegen. Es kam zu einer schweren Straßenschlacht, bei der acht SA-Leute krankenhausreif geschlagen wurden. Die Nationalsozialisten mussten ihre Feier unter starkem Polizeiaufgebot im Saal abhalten.“

Oder beruft ihr euch auf die Wilden Cliquen Berlins? Von denen gaben sich in den Zwanzigern und Dreißigern mehrmals welche den Namen „Sturmvogel“. Hat euch vielleicht diese überlieferte Aussage eines Sturmvogel-Mitglieds zur Namensgebung angeregt?

„Clique Sturmvogel is janz berühmt, det ist meine Clique. Wir hatten eine Klopperei mit so`n christlichen Verein! Denen haben wir aber scheen ihre dämlichen Wimpel kaputt jemacht ! Die ham wa aber schnaffte mit`n Klammerbeutel jepudert! Der janze Rummelplatz bei uns is auf Seiten der Cliquen, die helfen uns alle, wenn`t Schütte jibt mit`n Jannis und Nazis!“ (2)

Aber wahrscheinlich wisst ihr gar nicht, was Wilde Cliquen sind oder waren. Damit ihr aber eine Idee davon bekommt, wem ihr da den Namen gestohlen habt, hier mal ein beliebtes Cliquenlied:

Grün-Weiß-Grün sind unsere Farben,

Grün-Weiß-Grün ist unser Stolz

Wenn wir Latscher (3) sehen,

dann jibt es Keile;

wenn wir Nazis sehen,

dann jibt`s Kleinholz.

In diesem Sinne.

(1) Peter Berens, Trotzkisten gegen Hitler, Köln 2007, S.59.

(2) Zitat aus: Gertrud Staewen-Ordemann, Menschen der Unordnung. Die proletarische Wirklichkeit im Arbeitsschicksal der ungelernten Großstadtjugend, Berlin 1933, S.129.

(3) Als Latscher wurden von den Wilden Cliquen u.a. die Mitglieder der Bündischen Jugend bezeichnet, auf die sich der Sturmvogel – deutscher Jugendbund ja offiziell beruft.

Written by yesterdaywasfuture

Januar 7, 2010 at 10:11 pm

Die ersten Kondom-Automaten in Berlin.

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Kondom-Automaten. Sie gehören zu Kneipen- und Flughäfentoiletten wie die Seife. Manchmal gibt es sie also, und manchmal nicht. Aber wie lange gibt es die Dinger eigentlich schon? Ich hätte, ehrlich gesagt, auf die 60er Jahre des vorherigen Jahrhunderts getippt, doch wikipedia datiert die Einführung von Kondom-Automaten bereits auf das Jahr 1928. Der Erfinder Julius Fromm erfand übrigens nicht nur den Automaten, sondern auch das Produkt bzw. das erste nahtlose und transparente Kondom (damals aus Naturkautschuk) und zwar in einer Hinterhofwerkstatt im Prenzlauer Berg. Den dortigen heutigen Kinderreichtum konnte er aber damit nicht verhindern.

Aber so verwundert es nicht, dass bereits zwei Jahre nach der Erfindung des Kondom-Automaten, der Berliner Magistrat die Aufstellung derselben beschloß, wenn auch anscheinend von der Konkurrenz Dublosan:

Neuköllnische Zeitung, 7. Juli 1930:

Automaten zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten.

Die Erörterungen über die Frage der Aufstellung von Automaten zur Abgabe von Vorbeugungsmitteln, die im Interesse der Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten liegt, sind nunmehr nach Verhandlungen mit verschiedenen Sachverständigenkreisen und Firmen zum Abschluß gelangt. Der Magistrat hat im Einvernehmen mit der Deputation für das Gesundheitswesen und den Vorsitzenden der Bezirksämter dem Abschluß eines Vertrages mit der Deutschen Dublosan-Gesellschaft m. b. H. in Frankfurt a. M. zugestimmt. Der Vertrag sieht vor, daß die Deutsche Dublosan-Gesellschaft im Einvernehmen mit den Bezirksämtern in öffentlichen Bedürfnisanstalten, Bedürfnisanstalten der Badeanstalten und sonstigen von der Stadt bezeichneten Örtlichkeiten Automaten zum Verkauf von Schutzmitteln zur Verhütung von Geschlechtskrankheiten aufstellt. Der Vertrag belastet die Stadt in keiner Weise, sondern es ist vielmehr vereinbart, daß die genannte Gesellschaft auf den Umsatz einen Naturalbonus an die Stadt abführt. (…) Die Aufstellung muß nach den Vertragsbestimmungen so erfolgen, daß weder Sitte noch Anstand verletzt werden.

Die  Liberalität der Weimarer Gesellschaft darf aber auch nicht überschätzt werden. Die „Automatenfrage“ wurde kontrovers diskutiert und die Gegner der Präservativ-Automaten bzw. „Schmutzmittelautomaten“ waren durchaus zahlreich. Beispielhaft ist der Brief der Arbeitsgemeinschaft für Volksgesundung E.V. an den Reichsminister des Innern vom 7. März 1930, der im Folgenden auszugshaft wiedergegeben werden soll:

Die auszugsweise Veröffentlichung der Denkschrift über die Verhütung der Geschlechtskrankheiten durch Selbstschutz unter Berücksichtigung von Automaten, die von der „Einkaufsgesellschaft chirurgischer Gummiwarenhändler“ dem Reichsministerium des Innern eingereicht wurde, hat in weiten Kreisen berechtigtes Aufsehen erregt und eingehende Untersuchungen über die „Automatenfrage“ veranlasst.

Unsere Arbeitsgemeinschaft für Volksgesundung, in der mehr als 700 Wohlfahrts-, Frauen- und Jugendverbände, Behörden und führende sozial-ethische eingestellte Persönlichkeiten zusammengeschlossen sind, hat sich in ihrem Fachausschuss III mit dieser Angelegenheit eingehend (…) befasst.

(…)

Die grösste Gefahr der geplanten allgemeinen Aufstellung von Automaten liegt in der sittlichen Gefährdung der heranwachsenden Generation. Der aussereheliche Geschlechtsverkehr und die Benutzung der Prostitution wird damit als etwas Selbstverständliches hingestellt. Die Abstemplung der Schutzmittel als hygienischer Bedarfsartikel des täglichen Gebrauchs bedeutet nicht nur eine Herabwürdigung der Geschlechtsbetätigung als solche, sondern eine Entstellung ihrer letzten Sinngebung. Jede Steigerung des ausserehelichen Geschlechtsverkehrs bedeutet aber eine erhebliche Vermehrung der Infektionsmöglichkeit.

Besonders bedenklich erscheint uns die Tatsache, dass der Vertrieb dieser Mittel durch Automaten von wirtschaftlichen Interessengruppen schon heute mit ungeheurer Reklame und grossen Gewinnversprechungen betrieben wird. Wir verurteilen grundsätzlich jede gewerbliche Ausnutzung und jede Erleichterung des ausserehelichen Geschlechtsverkehrs.

(…)

Wir sind der festen Überzeugung, dass der Herr Reichsminister des Innern sich den hier geäusserten schweren Bedenken gegen die Aufstellung von Automaten aus sozialethischen Gründen nicht verschliessen wird und bitten den Herrn Reichsminister, die durch das Gesetz zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten vorgesehenen Möglichkeiten zu benutzen, um die geplante allgemeine Aufstellung von Automaten und dadurch eine weitere Verbreitung der Geschlechtskrankheiten zu verhindern. (…)

Der Brief ist den Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft für Volksgesundung E.V. Nr. 7 vom 8.3.1930 entnommen. Ähnliche Briefe richteten sich an andere Ministerien und zeigten auch Erfolg. So geht auf einen solchen Brief auch die Entscheidung des Preussischen Ministers für Handel und Gewerbe zurück, „wonach Automaten als offene Verkaufsstellen im Sinne der Bestimmungen der Gewerbeordnung gelten, sodass ein Vertrieb von Schutzmitteln durch Automaten nach Ladenschluss und am Sonntag unzulässsig ist“. (Mitteilungen der A.f.V. Nr.3 vom 9.2.1931)

Aber selbst heute finden sich ja noch pseudomoralische Eiferer, die sich über „Liberal-dekadente Kräfte des Kulturbolschewismus“ der Weimarer Gesellschaft aufregen können. So findet sich bei kreuz.net, dem Portal der „Kreuzritter der Dummheit“ (TAZ) bzw. „Katholischer Nachrichten“ (Selbstdarstellung), das u.a. auch Holocaustleugnern eine Plattform bietet, ein Artikel der sich über die durch den deutsch-jüdischen Fabrikanten Julius Fromm (s.o.) gesponserte „Sex-Welle der 1920er Jahre“ auslässt. Interessant an dem Artikel ist aber zumindestens, dass aus ihm hervorgeht, dass sich Kondome und Kondomautomaten auch in der Zeit des Nationalsozialismus weiter ausbreiteten, auch wenn man natürlich ersteinmal kritisch gegenüber allem, was in diesem Artikel gesagt wird, sein sollte, von der Wertung mal ganz abgesehen. Im übrigen haben die Nationalsozialisten noch 1930, bei der oben von der Neuköllnischen Zeitung behandelten Magistratssitzung die Aufstellung von Kondomautomaten „aus grundsätzlichen Erwägungen abgelehnt“.

Zur Rolle von Julius Fromm im Kondomgeschäft und im Nationalsozialismus gibt es bereits ein Buch: Götz Aly/ Michael Sontheimer, Fromms. Wie der jüdische Kondomfabrikant Julius F. unter die deutschen Räuber fiel, Frankfurt 2007.

Written by yesterdaywasfuture

Dezember 16, 2009 at 11:01 pm

Graffiti in Neukölln – eine alte Geschichte.

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Aus der Neuköllnischen Zeitung vom 26. April 1916:

Ein unschöner Unfug

wird gegenwärtig von der Jugend in Neukölln täglich in großem Umfange verübt. Es werden nämlich überall, wo sich nur Gelegenheit bietet, die Mauern der Häuser, die Zäune, die Türen und Pforten, Ladenschilder usw. mit Kreide beschrieben und beschmiert, so daß die Straßen an vielen Stellen dadurch einen recht häßlichen Eindruck machen. Überall sieht man besonders Jungen mit Kreidestücken in der Hand umherlaufen, um dieser eigenartigen „Malerei“, die gegenwärtig einen besonderen Reiz auf die Jugend auszuüben scheint, nachzugehen. Wie diese neue Passion auf einmal entstanden ist, ist schwer zu sagen. Aber ein Kind scheint es dem andern nachzumachen. Oft artet diese Sucht, alles mit Kreideinschriften zu versehen, sogar, wie man wahrnehmen kann, in Unflätigkeiten aus. Es wäre an der Zeit, daß Eltern und Erzieher die Kinder von diesem unästhetischen Unfug zurückhalten.

Written by yesterdaywasfuture

Dezember 16, 2009 at 8:09 pm

Veröffentlicht in Berlin, Kaiserzeit, Neukölln

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