Das Neueste von Gestern

Geschichten aus Berlin und der Welt von Gestern

Archive for Januar 2010

Kuchen-Kaiser und der PR-Journalismus

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Die Berichterstattung über das neueste Produkt des Hauses Apple, den iPad, ist ein gutes Beispiel dafür wie heutzutage Werbung und „Journalismus“ immer mehr verschwimmen.  Zunehmend finden PR-Texte und -Fotos ungefiltert den Weg in den „journalistischen“ Teil der Medien. Der freiberufliche Autor Hans Wille spricht in einem ca. 2 Jahre alten Beitrag zum PR-Journalismus (PR-Journalismus – der dritte Weg?) davon, dass heute rund 70 Prozent unserer Nachrichteninhalte von PR-Stellen initiiert werden. Doch der PR-Journalismus ist natürlich keine Erfindung unserer Zeit – deswegen ist er ja auch Thema dieses Blogs. Auf den Tag genau vor 79 Jahre machte die Neuköllnische Zeitung unkritisch einen anderen Hype mit – den Hype um den „Kuchen-Kaiser“:

„Kuchen-Kaiser“

am Oranienplatz in Berlin hat nach vollendeten Umbau heute seine sämtlichen Räume wieder in Betrieb genommen. Der gegenwärtige Besitzer Eugen Fluß übernahm die seit 1. April 1866 bestehende Firma am 1. Juli 1891 und führte an dieser

Stätte Altberliner Gemütlichkeit,

die seiner Zeit auch oft vom ersten Reichspräsidenten Friedrich Ebert besucht wurde, das damals in Berlin noch unbekannte Wiener Teegebäck und die so beliebt gewordene Eisbombe ein. Während es durch die Umgestaltung des Oranienplatzes verursachten Umbaues wurde der Betrieb, wenn auch in eingeschränktem Maße doch aufrecht erhalten. Mit imposanter Front reiht sich das Haus der Firma „Kuchen-Kaiser“ würdig in den Rahmen des Oranienplatzes ein. Für den Verkauf sind

helle, freundlich gehaltene Räume

geschaffen worden. Ein 25 Meter langer Ladentisch legt Zeugnis ab von der Riesenauswahl hochwertiger Konditoreifabrikate. In einer Spezial-Abteilung für den Verkauf von Konfekt findet man die Fabrikate allererster Firmen in Originalverpackungen und zu Originalpreisen. Alles, was die „süße Kunst“ hervorbringt, kann in diesen großen Räumen erstanden werden; man wird jedem Geschmack gerecht. Unter den Verkaufs- und Gasträumen beider Grundstücke befinden sich die gesamten Back- und Fabrikations-Anlagen. Durch reichliche Verwendung von Oberlicht sind praktische, helle und zweckmäßige Arbeitsräume geschaffen worden, unter Beobachtung der modernen Hygiene. Die Gasträume halten die alte Tradition der Gemütlichkeit aufrecht: Die Wände sind mit handgewebten Stoffen bespannt. Als innenarchitektonische Neuheit ist zum ersten Male eine geschickte Kombination von ganz modernen Gaderobenhaken und in zwei Richtungen beweglichen Wandarmen mit daran befindlichen Beleuchtungskörpern für die einzelnen Tische verwandt worden. Ein holzgetäfelte Raum, der im Bedarfsfalle durch eine neuartige „Teleskoptür“ aus Birkenholz vollständig von den anderen Gasträumen getrennt werden kann, eignet sich besonders als

Konferenz- und Sitzungszimmer

für kleinere Gesellschaften und Vereine. Im ersten Stockwerk des Hintergebäudes liegen die Büroräume: Die Telephonzentrale sowie die Bestellungsannahme mit eigenem Haus-Automaten modernsten Systems. Direkt von der Bestellungsannahme gelangen die eingehenden Bestellungen mittels elektrisch betriebener Bandpost in die im Erdgeschoß gelegene Expedition. Ein elektrisch betriebener Fahrstuhl bringt die fertigen Waren nach der Expedition und Versand. „Kuchen-Kaiser“ im neuen Gewande wird der alten Tradition getreu, stets eine Kulturstätte des guten Geschmacks und ein Treffpunkt des alten Berlins bleiben.

Aus der Neuköllnischen Zeitung vom 31.1.1931.

Über die Geschichte des Kuchen-Kaisers kann man auch auf dessen Blog einiges erfahren, wo es auch einen Link zu einer Diashow mit Fotos vom historischen Oranienplatz gibt. Unter dem Platz schlummert übrigens immer noch eine 1927 errichtete U-Bahnstation, wie dieser wikipedia-Eintrag zu berichten weiß.

Oranienplatz um die Jahrhundertwende

Oranienplatz, 1925

Written by yesterdaywasfuture

Januar 31, 2010 at 7:23 pm

Das Neueste von Gestern – Anmerkungen (1)

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Gerade habe ich den Artikel „Die ersten Kondom-Automaten in Berlin“ stark erweitert. Wer sich also für das Thema interessiert, sollte den obigen Link benutzen.

Written by yesterdaywasfuture

Januar 25, 2010 at 4:33 pm

Neuköllner erfindet Übersetzungsmaschine

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Am 22.1 beschäftigte sich Barbara Kerneck in der Taz mit maschinellen Übersetzungshilfen und ging dabei auch der Frage nach, ob Maschinen jemals menschliche Profi-Übersetzer ersetzen können. Letztendlich sieht es danach jedoch nicht aus – „Eine Maschine versteht keine Ironie.“ Ein Glück für alle Dolmetscher und Übersetzer. Andererseits aber auch schade, denn die „Übersetzungsmaschine“, der Babelfisch bzw. der „Sprachübertragungs-Apparat“ ist wohl ein uralter, seit dem Turmfall von Babel, gesponnener Menschheitstraum. Und seine Vollendung scheint einem, bei all dem technischen Fortschritt, doch manchmal auch zum Greifen nahe. Und so testete bereits 1932 die Neuköllnische Zeitung  den Zukunftsglauben seiner Leser mit einem Artikel über eine neue, sensationelle Erfindung, die sie allerdings am nächsten Tag als Aprilscherz outete.

Aus der Neuköllnischen Zeitung vom 31.3.1932:

Der Sprachübertragungs-Apparat erfunden!

Nach jahrelangen Versuchen hat ein bekannter Neuköllner Erfinder in aller Stille einen Sprachtransformierungsapparat fertiggestellt, von dem wir heute unsern Lesern das erste Bild geben können: Ein Freund des Erfinders (…) spricht in das vor ihm stehende Mikrophon. Die im Hintergrund sichtbare Apparatur wandelt nun durch einige Kathodenröhren die Sprachwellen um. Wollte man sich in diesem Stadium der Sprachumbildung einschalten, so würde man eine völlig unbekannte Sprache vernehmen, da diese Transformierung für sämtliche Sprachen der Erde gemeinsam ist. Erst die auf dem Tisch stehenden kleinen Sprachübersetzer sieben aus dem Wellengemisch die richtigen Laute aus und geben den in das Mikrophon gesprochenen deutschen Text in einer ausländischen Sprache wieder. Der Erfinder hat bisher, wie man auch aus unserm Bilde sieht, Sprachübersetzer für (von links) englisch, französisch und spanisch konstruiert, die hier zum ersten Male ausprobiert werden. In Arbeit sind die lateinische und griechische Sprache, womit dann das gefürchtete Extemporale seine Schrecken verlieren würde: denn auch ein diesbezüglicher Tachenapparat, in den der Schüler nur hineinzuflüstern braucht, soll in Vorbereitung sein.

(Leider habe ich keine Kopie des zum Artikel dazugehörenden Bildes, also wenn ihr mal in einem Archiv mit der Neuköllnischen Zeitung seid, schaut euch das mal an!)

Written by yesterdaywasfuture

Januar 24, 2010 at 8:32 pm

Die Lehren aus der Schweinegrippe

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Nachdem der Hype um die Schweinegrippe die Welt monatelang im Griff hatte, verkündete die WHO vor zwei Tagen den endgültigen Rückzug des H1N1-Virus. Und im Nachhinein kann man (wie es viele ja schon erwartete hatten) sagen: Viel Lärm um nichts. Vielleicht sollte man bei der nächsten apokalyptischen Grippewelle daher vielleicht wieder auf traditionelle Grippebekämpfungsmaßnahmen zurückgreifen, statt milliardenschwere Pharamindustriekonjunkturprogramme aufzulegen. Wir wäre es z.B. mit dieser Methode aus dem Jahre 1930:

Written by yesterdaywasfuture

Januar 24, 2010 at 8:01 pm

Stratosphärenanzug, Anno 1930

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Stratosphärenanzug, Anno 1930

Der rechte Herr, Auguste Piccard, hat übrigens nicht nur mehrere Ballon-Höhenrekorde und einen Tiefseerekord aufgestellt, sondern stand auch Pate für Professor Tournesol (Bienlein) aus den Tim und Struppi Comics und war zusammen mit seinem Zwillingsbruder Jean-Felix Piccard Namensgeber für Captain Jean-Luc Picard. Auch sein Sohn Jacques Piccard und sein Enkel Bertrand Piccard waren und sind schillernde Persönlichkeiten mit ähnlichem Entdeckerdrang und Weltrekordjagdfieber.

Ein Nachfolgermodell bzw. einen echten Stratosphärenanzug aus dem Jahre 1938 kann man hier bestaunen.

Written by yesterdaywasfuture

Januar 19, 2010 at 11:12 pm

Und nun zum Wetter – oder: Warum früher alles besser war.

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Heute (15.1.2010) im Berlin-Teil der Taz:

Die S-Bahn muss ihr Angebot nochmals einschränken. Wie ein Bahnsprecher am Donnerstag mitteilte, müssen immer mehr Züge wegen technischer Störungen von der Schiene genommen werden. Derzeit fielen 100 Viertelzüge der Baureihe 481 mit defekten Fahrmotoren aus. Als Grund nannte der Bahnsprecher „konstruktionsbedingte Anstriebsstörungen“, die durch „Flugschnee“ und Kondenswasser verursacht würden. Auch in den nächsten Tagen sei „keine signifikante Entspannung der Situation“ zu erwarten.

(…) Derzeit sind nur 275 der rund 630 Viertelzüge der S-Bahn im Einsatz. Für den regulären Fahrbetrieb werden 550 Züge benötigt.

Dagegen aus dem „Berlin“-Teil des Vorwärts vom 26. Januar 1929:

Schnee überall.

8 Grad Kälte in Berlin.

Der starke Schneefall, der gestern abend einsetzte, hat die ganze Nacht hindurch angedauert. Nach einer Mitteilung des Amtlichen Wetterdienstes ist für Sonntag mit weiteren Schneefällen zu rechnen. Winterliches Wetter und leichter Frost heißt die Voraussage.

(…) Der Schnee hat in Berlin bisher zu wesentlichen Verkehrsstörungen nicht geführt. Im Straßenbahn-, Autobus- sowie Stadt- und Ringbahnverkehr sind Verzögerungen nicht zu verzeichnen. Auch der Fernverkehr konnte fahrplanmäßig durchgeführt werden. – (…)

Written by yesterdaywasfuture

Januar 15, 2010 at 9:23 pm

Historische Schneeballschlacht im Görlitzer Park

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Heute waren wir bei einer grandiosen Schneeballschlacht im Görlitzer Park dabei (hier gibt es erste Videos und hier ein weiteres), bei dem der Kampf um die Vorherrschaft in Kreuzkölln ausgeworfen wurde und bei dem natürlich das alte, schlachtenerfahrene Kreuzberg einen grandiosen Sieg gegen das, von einigen abtrünnigen Kreuzbergern verstärkte, Neukölln eingefahren hat. (So sieht die Neuköllner Seite die Sache)

Um diesen Triumph gebührend zu würdigen und historisch richtig einzuordnen, folgt hier eine kleine Geschichte der Schneeball- und Revierschlachten.

Schneeballschlachten gab es es wohl in allen Schneekulturen der Welt schon seitdem die Menschen auf zwei Beinen gingen und daher die Hände frei zum Werfen hatten. Hier einige historische Bilder:

Alte japanische Schneeballschlacht

Postkarte aus dem Jahre 1904

Freund Fritz, Die Schneeballschlacht

Weltgeschichtliche Bedeutung erlangte Die Schneeballschlacht dagegen erst im Winter 1781. Zumindestens nach Abel Gance historischen Filmwerk Napoleon (1927) offenbarte in diesem Winter der junge Korse zum erstenmal seine strategischen Fähigkeiten – bei einer Schneeballschlacht an seinem Internat.

Danach sollten aber noch 2 Jahrhunderte vergehen, bis die Schneeballschlacht eine offizielle Würdigung erfuhr. Im Jahre 1992 schließlich erfuhr die Schneeballschlacht die Ehre, ein offizieller Demonstrationswettbewerb der Olympischen Spiele von Albertville zu sein. Der TAZ-Artikel „Die Schneebälle des Jules Leflêche“ von Matti Lieske (15.2.1992) berichtet vom Wettbewerb in La Lunate:

In einer wundervollen, exakt berechneten ballistischen Kurve fliegt der wohlgeformte, kugelrunde Schneeball durch die Luft und stürzt plötzlich steil nach links hernieder, genau auf den überraschten Eberhard Küchli aus Winterthur zu. Der versucht ein panisches Ausweichmanöver, doch zu spät: die vom französischen Superstar Jules Leflêche mit extremem Linkseffet geschleuderte Kugel streift ihn am linken Ohr und die fünf Kampfrichter schwenken einmütig ihr rotes Fähnchen, um einen gültigen Treffer anzuzeigen. Erzürnt bückt sich der getroffene Küchli, rafft eine Handvoll Schnee zusammen und wirft mit aller Gewalt nach Leflêche. Doch mit solch brachialen Methoden ist dem Lokalmatador nicht beizukommen. Ein eleganter Sidestep bringt ihn aus der Schußbahn, während sein Mannschaftskamerad Lucien Watteau dem nunmehr deckungslosen Schwyzer eine volle Ladung auf die Nase knallt. Sein dritter Schneekontakt, die Kampfrichter schwenken die 10, Küchlis Startnummer – der Schweizer Linksaußen ist ausgeschieden.

Jules Leflêche ist nicht nur Mannschaftskapitän und Seele des französischen Teams, er ist auch der Initiator des „Balle de neige“ und hat in den letzten Jahren keine Mühen gescheut, seinen Sport als Demonstrationswettbewerb der Olympischen Spiele von Albertville durchzusetzen. (…)

Es war allerdings nicht einfach, seinen Heimatort La Lunate zur Austragung dieser Disziplin zu bewegen. „Kinderkram“, befand der Gemeinderat, den zudem die horrenden Ausgaben für die erforderliche Schneeballarena schreckten. Es bedurfte ausgiebiger Überzeugungsarbeit, bis die Lokalpolitiker den Bau des extravaganten Stadions bewilligten, heute ein Schmuckstück des Ortes. Stilistisch einer Stierkampfarena nachempfunden, bietet es 5.000 Zuschauern Platz und soll in Zukunft für kulturelle Großereignisse wie die althergebrachten Passionsspiele in der Osterwoche und das traditionelle Bockshornjagen im Mai zur Verfügung stehen.

Zuerst waren jedoch jede Menge bürokratische Hindernisse zu überwinden. Die Grünen von La Lunate wandten sich vehement gegen die Verwendung von Kunstschnee und ließen sich auch durch eine drastische Schilderung der verheerenden Auswirkungen des Pulverschnees nicht beeindrucken. Erst das Versprechen, auf dem Vorplatz der Arena einen geräumigen Froschteich einzurichten, konnte sie zum Einlenken bewegen.

Probleme bereitete auch der Kunstschnee selbst. Im Pariser Pasteur-Institut gelang es erst nach mehrmonatigen Versuchsreihen, eine Schneeart herzustellen, die die zum Ballen erforderliche Pappigkeit aufweist, aber dennoch schädelbruchsicher ist. Auch die Entwicklung einer spezialbeschichteten Wettkampfkleidung, an der selbst beim leichtesten Streifschuß genügend Schneepartikel haftenbleiben, um den Treffer nachweisen zu können, konnte erst nach halbjähriger Forschungsarbeit mit befriedigendem Resultat abgeschlossen werden.

Mit unermüdlichem Einsatz räumte Jules Leflêche jedoch alle Hindernisse aus dem Weg, und als in Anwesenheit des IOC-Präsidenten Juan Antonio Samaranch die Vorrunde begann, herrschte in der vollbesetzten Arena bei Sonnenschein und exzellenten Schneeverhältnissen Festtagsstimmung. Das Eröffnungsmatch bestritten natürlich die Gastgeber, die wenig Mühe hatten, die Equipe aus Liechtenstein mit 11:0 vom Platz zu fegen. Als der letzte Vertreter aus dem Fürstentum das Feld räumen mußte, hatten die Franzosen noch sämtliche Akteure auf dem Feld.

Wesentlich schwieriger gestaltete sich das Viertelfinale gegen Schweden, wo es zum Eklat kam, als Mittelfeldstar Gunnar Hamrin aus Växjö wegen verbotenen Einseifens disqualifiziert wurde. Die schwedischen Hooligans auf den Rängen konnten sich mit dieser harten Entscheidung nicht abfinden, stürmten das Spielfeld, bemächtigten sich der Schneekanonen und deckten das Schiedsrichtergespann aus Palermo, dem sie geographische Inkompetenz unterstellten, mit mehreren Breitseiten ein. Erst, als der Schnee alle war, ebbte der Tumult ab und die Partie mußte für drei Stunden unterbrochen werden. Mit Neuschnee und neuen Schiedsrichtern ging es schließlich weiter; Frankreich siegte knapp mit 1:0, nachdem Jules Leflêche den gegnerischen Libero Mats Gunnarsson mit einem tückischen Rückhandheber an den Hinterkopf außer Gefecht gesetzt hatte.

Im Halbfinale bekamen es die Gastgeber mit dem Überraschungsteam aus China zu tun, das jedoch durch das wenige Stunden vorher erfolgte Verbot ihrer Spezialtechnik entscheidend geschwächt war. Eine eilig einberufene Sondersitzung der IOC-Schiedskommission hatte die bumerangförmigen Schneegebilde der Chinesen, mit denen sie bei günstigen Windverhältnissen manchmal gleich drei Kontrahenten zugleich ausschalten konnten, für unzulässig erklärt. Erlaubt seien nur Sportgeräte von „einigermaßen runder Form“. Das Aus für China, das sich mit 0:5 geschlagen geben mußte.

Das Finale gegen die Schweiz in Anwesenheit von Fran¿ois Mitterrand wurde schließlich zum Triumphzug für Jules Leflêche. Fünf Gegner beförderte er eigenhändig aus dem Match, zu dreien leistete er die Vorarbeit. Mit 48 Skorerpunkten war er der absolute Topstar des Turniers und vollbrachte sein Meisterstück, als er beim Matchball zum 8:0 den letzten verbliebenen Schweizer mit einem eigens für diesen Zweck bereitgelegten kürbisgroßen Schneetrumm zu Boden rammte. Ihren einzigartigen Erfolg feierten die französischen Schneeballer, humorvoll, wie sie nun mal sind, auf besonders ausgelassene Weise: gutgelaunt deckten sie unter dem Jubel der 5.000 Staatspräsident Mitterrand und seine Leibwächter mit Schneesalven ein, bis diese eiligst in ihrem Hubschrauber flüchteten.

Besonders begeisterte Zuschauer waren die Biathlon-Teams der verschiedenen Nationen, die nun ernsthaft erwägen, im Zuge der Entmilitarisierung ihres Sports künftig, anstatt zu schießen, mit Schneebällen auf die Zielscheiben zu werfen.

Schade eigentlich, dass es die Schneeballschlacht immer noch nicht ins offizielle Wettkampfprogramm geschafft hat, es wäre sicherlich eine vom Doping relativ unbelastete Sportart mit hohen Unterhaltungswert. Aber vielleicht kann ja die neue Mode der Flashmob-Schneeballschlacht wieder zu neuer Popularität der Schneeballschlacht beitragen. Nachdem im Dezember in den USA schon mehrere durch Twitter und ähnliche Medien organisierte Flashmob-Schneeballschlachten stattfanden, hat der Trend jetzt auch Berlin erreicht und so fanden an diesem Wochenende am Teufelsberg, im Mauerpark und eben im Görlitzer Park große Schneeballschlachten statt.

Schneeballschlacht am Times Square

Schneeballschlacht am Teufelsberg

Dabei handelte es sich jedoch nur bei der Schlacht im Görlitzer Park zugleich um einen Revierkampf, um den Kampf Kreuzberg vs. Neukölln. Der Revierkampf hat dabei fast schon eine so lange Geschichte wie die Schneeballschlacht. Bereits im 14. Jahrhundert lieferten sich etwa in Florenz jugendliche Revierbanden in der Zeit des Karnevals Schlägereien unter den Arnobrücken. 1380/90 lieferten sich etwa die beiden als `Berta´ und `Margoni´ bezeichneten Quartierbanden 50 Tage lang jeden Abend heftige Gefechte. (1)

Exemplarisch auch ein Bericht aus Köln aus dem Jahre 1810:

Oft sehen wir auf den Plätzen in den Straßen die Jugend heiße Schlachten fechten; denn feindselig standen sich die einzelnen Plätze, wie der Domhof, der Altenmarkt, der Heumarkt und der Augustinerplatz und die verschiedenen Schulen entgegen, und gar oft bricht dieser Haß unter den Knaben in wilde Treffen aus, bei denen Fenster und Straßenlaternen nicht verschont blieben und welche häufig das Einschreiten der Polizei nothwendig machten. (…) Diese im Sommer sich oft wiederholenden Knaben-Krawalle hatten die Folge, daß sich ein Knabe nicht ohne Begleitung aus seinem Bezirke in einen anderen wagte (…) (2)

Kaum anders sieht es 1931 in Moabit aus:

Eine große Keilerei spielte sich gestern in der Beusselstraße zwischen Schuljungen ab. Die Zahl der „Kämpfer“ wurde auf etwa 400 geschätzt und der Kampf nahm schließlich derartige Formen an, daß die Polizei eingreifen mußte. Zwischen den Jungen in der Gegend herrscht schon seit geraumer Zeit eine heftige Fehde, deren Ursache wohl dem Außenstehenden unerklärbar bleiben wird. (…) Die Jungen, zwischen zehn und vierzehn Jahre alt, rückten gegen 19 Uhr in geschlossenen Haufen zur Beusselstraße und gingen aufeinander los. Die Bewaffnung bestand aus Gummischläuchen, Stöcken, Riemen, Holsknüppeln und auch Scheintodpistolen. (3)

Erst seitdem die Älteren den Kindern den Revierkampf abgenommen haben, konnten zivilisiertere Wege gefunden werden, alte Bezirksrivalitäten zu klären. So findet schon seit Jahren auf der Oberbaumbrücke die legendäre zwischen Kreuzberg und Friedrichshain ausgetragene Gemüseschlacht statt und jetzt trifft man sich eben auch im Park um mit einer ordentlichen Portion Schnee etwaige Differenzen auszutragen…

(1) Dieter Baacke, Jugend und Jugendkulturen. Darstellung und Deutung, Weinheim und München 1999, S. 179f.

(2) J. Schlumbohn (Hrsg.), Kinderstuben. Wie Kinder zu Bauern, Bürgern, Aristokraten wurden 1700-1850, München 1983, 222.

(3) „Straßenschlacht“ in der Beusselstraße. (Neuköllnische Zeitung, 21.4.1931)

Written by yesterdaywasfuture

Januar 10, 2010 at 5:36 pm