Das Neueste von Gestern

Geschichten aus Berlin und der Welt von Gestern

Archive for Dezember 2009

Nicht erst in Kopenhagen: Kohlenbarone und Ölmagnaten verhindern Klimarettung

leave a comment »

Wer sich von Euch über das Desaster von Kopenhagen aufregen kann, wird jetzt sicherlich vor Wut explodieren: Die Klimakatastrophe hätte schon 1931 verhindert werden können!

In jenem Jahr gab es bereits die Möglichkeit den Grundstein für eine solare Zukunft zu legen, doch es kam ganz anders, wie wir heute wissen und wie es Die Rote Fahne bereits damals wußte, wobei sie „mit klarer Eindeutigkeit“ aufzeigt, „daß das kapitalistische System heute, morgen und mit jedem Tage mehr auf der ganzen Linie ein ständig größerer Hemmschuh des technischen Fortschrittes“ bzw. der solaren Zukunft wird.

Hier die ganze erschütternde Geschichte:

Als die Rote Fahne am 7. Februar 1931 „Die Sonne als Riesenkraftwerk“ titelt, ist sie nicht die erste Zeitung, die über eine neue Entdeckung berichtet. „Die gesamte Weltpresse beschäftigt sich (…) in Sensationasaufmachung mit der Erfindung des jungen deutschen Gelehrten Dr. Bruno Lange vom Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin-Dahlem, dem es nach dreijährigen Versuchen gelang, das Sonnenlicht direkt in elektrische Energien umzuwandeln. Kohle, Öl und Wasserkraft würde, wenn diese Erfindung tatsächlich praktische Ausführung erhielt, als Stromerzeuger später überflüssig (…) Das Fundament des Sonnenkraftwerks der Zukunft wäre damit – theoretisch wenigstens – gelegt. Doch da selbst der Erfinder im Augenblick noch nicht daran denkt, die weiteren Versuche über den Rahmen von Messungsarbeiten hinaus vorzunehmen, müssen wir die marktschreierische Zukunftsmusik eines Teiles der bürgerlichen Presse, die ihren Lesern bereits das Sonnenkraftwerk in allernächster Zeit prophezeit, als Sensationshascherei bezeichnen.“

Warum aber wird nicht über eine praktische Nutzbarmachung im Sinne der Energieerzeugung nachgedacht?  Vordergründig liegt es daran, dass durch die Sonnenbestrahlung der Photozelle, die das Kernstück der Erfindung ausmacht, nur geringe „Elektrizitätsenergien“ erzielt werden.

Tatsächlich aber verhindert der „streng kapitalistische Profitstandpunkt“ der „Fachleute“ die Entwicklung des „Sonnenkraftwerk-Projekts“. Die „Fachleute der großkapitalistischen Riesenkonzerne“ beantworten die Frage nach der Möglichkeit einer kapitalistischen Ausbeutung der Erfindung mit einem „vorläufig nicht“. Denn „die Errichtung einer größeren Anlage, welche zur Erzeugung von 1 Kilowatt eine Kupferoxydulplatte von mehreren tausend Quadratmetern zur Voraussetzung hat, ist eine Kapitalsfrage, deren Lösung in absehbarer Zeit nicht zu erwarten ist.“ Lächerlicher Einwand! Der wahre Grund ist natürlich, dass das „baldige mühelose Einheimsen von Riesenprofiten“ nicht so einfach ist. Und es gibt ein weiteres Problem: „Die Kapitalgruppen, die tatsächlich die ungeheuren Finanzmittel zur Durchführung des Riesenprojektes aufgebracht hätten, [müssten sich] gegen den erbitterten Widerstand der Kohlenbarone, Ölmagnaten usw. durchsetzen.“ Wie wahr gesprochen und dabei kann die Rote Fahne doch noch gar nichts von moderner Lobbyarbeit, von Ölfirmen gesponserten Klimazweiflern etc. wissen, oder? Die Rote Fahne hat ihre eigenen Belegstücke. Da gibt es einmal „die heimtückische Arbeit des schwedischen Weltzündholztrust des Herrn Ivar Kreuger“ , der vor keinem Mittel zurückschreckt, „die Erfindung des sogenannten Ewigen Zündholzes zu sabotieren.“ Außerdem gibt es da noch „eine große deutsche Glühlampenfabrik“, die es sich „ungestraft erlauben darf Glühbirnen mit bewußt erstrebter kürzerer Brenndauer in den Handel zu bringen“.

Soweit also die Rote Fahne, und so sehr ähneln sich die heutigen Probleme bei der Umstellung auf eine ökologischere Wirtschaftsweise. Doch es gibt einen Unterschied zur damaligen Zeit. Die Rote Fahne durfte noch hoffen. Sie konnte noch glauben, „daß das Sonnenkraftwerk ein Projekt ist, daß (…) die vergesellschaftlichte Industrie eines Sowjetdeutschlands ernsthaft zum Wohle der arbeitenden Menschheit in Angriff nehmen kann.“ Das wissen wir heute leider besser.

Den ganzen Artikel könnt ihr übrigens hier nachlesen.

Advertisements

Written by yesterdaywasfuture

Dezember 19, 2009 at 11:49 pm

Lebt der alte Klassenkampf eigentlich noch?

with one comment

„Paare lassen sich immer häufiger skurrilere Namen einfallen“ steht eigentlich jedes Jahr in den „Vermischtes“-Spalten der Zeitungen und die subjektive Wahrnehmung stimmt meist mit dieser Aussage überein. Doch wie so oft überschätzen wir die Einzigartigkeit unserer Zeit und vergessen, dass so manche Skurrilität, die wir für postmodern halten, lediglich modern ist. Das Hausblatt der Moderne Neuköllns, die Neuköllnische Zeitung sprach daher schon am 5. November 1931 von einer ollen Kamelle, bzw. davon, es gäbe immer noch sehr viele Leute, die recht ausgefallene Vornamen für ihre Kinder wünschen. Und was sind denn bitte heutige skurrile Namen, wie Fifi Trixibelle oder Joachim Tryba, gegen diejenigen von 1931:

Zeppelina sollen kleine Mädchen heißen, aber auch Tannenbergia, Hindenburgia, Hitlerike. Für Knaben wird gelegentlich Hindenburg gewählt; aber das ist nicht zufällig. Ein Vater in Halle wollte seinen Neugeborenen durchaus Klassenkampf nennen, und als ihm das vom Standesamt abgelehnt wurde, setzte er bei Gericht eine andere Entscheidung und damit seinen Willen durch. Seitdem heißt der Wurm nun tatsächlich so. Aber da gibt es auf diesem Gebiete eigentlich nichts mehr, was die Beamten zum Verwundern brächte. Sie tragen es ruhig ein, wenn die Väter angeben: Saladin Müller, Ptolemäus Lehmann, Spaminondas Schulze. Und wenn ein Architekt seinen Sohn durchaus Hochhaus rufen will, weil er sich so viel damit beschäftigt, schön, so läßt man ihm eben den Willen. Adelsprädikate werden als Vornamen aber nicht zugelassen. Es hat sich herausgestellt, daß Eltern beispielsweise Friedrich Wilhelm Baron als Vornamen haben wollten, dann erst sollte der Vatername erfolgen. Er ergab sich dabei der Hintergedanke, später würde dann der heranwachsende Mann Baron Sowieso genannt werden, eine Spekulation, die auch von den Gerichten nicht geduldet wird. Schlimm ist es mit den Mädchenvornamen. Die werden so seltsam und ausgefallen gewählt wie nur irgend möglich. Da finden wir: Lil, Lee, Ly statt Elisabeth, Helen statt Helene, Gisay statt Gisela, Flockina, Ell, Izza, Illizza, Elza, Yonne, Yett, Truus, Corry, Yol, La usw. Sehr oft sind diese Vornamen auf die ausgetüftelten Vornamen der Film- und Bühnensterne zurückzuführen.

Seitdem ich den Artikel gelesen habe, weiß ich auch schon, wie ich mal mein Kind nennen werde: Globalisierung Nurmit Klimarettung

Written by yesterdaywasfuture

Dezember 17, 2009 at 7:27 pm

Die ersten Kondom-Automaten in Berlin.

with 2 comments

Kondom-Automaten. Sie gehören zu Kneipen- und Flughäfentoiletten wie die Seife. Manchmal gibt es sie also, und manchmal nicht. Aber wie lange gibt es die Dinger eigentlich schon? Ich hätte, ehrlich gesagt, auf die 60er Jahre des vorherigen Jahrhunderts getippt, doch wikipedia datiert die Einführung von Kondom-Automaten bereits auf das Jahr 1928. Der Erfinder Julius Fromm erfand übrigens nicht nur den Automaten, sondern auch das Produkt bzw. das erste nahtlose und transparente Kondom (damals aus Naturkautschuk) und zwar in einer Hinterhofwerkstatt im Prenzlauer Berg. Den dortigen heutigen Kinderreichtum konnte er aber damit nicht verhindern.

Aber so verwundert es nicht, dass bereits zwei Jahre nach der Erfindung des Kondom-Automaten, der Berliner Magistrat die Aufstellung derselben beschloß, wenn auch anscheinend von der Konkurrenz Dublosan:

Neuköllnische Zeitung, 7. Juli 1930:

Automaten zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten.

Die Erörterungen über die Frage der Aufstellung von Automaten zur Abgabe von Vorbeugungsmitteln, die im Interesse der Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten liegt, sind nunmehr nach Verhandlungen mit verschiedenen Sachverständigenkreisen und Firmen zum Abschluß gelangt. Der Magistrat hat im Einvernehmen mit der Deputation für das Gesundheitswesen und den Vorsitzenden der Bezirksämter dem Abschluß eines Vertrages mit der Deutschen Dublosan-Gesellschaft m. b. H. in Frankfurt a. M. zugestimmt. Der Vertrag sieht vor, daß die Deutsche Dublosan-Gesellschaft im Einvernehmen mit den Bezirksämtern in öffentlichen Bedürfnisanstalten, Bedürfnisanstalten der Badeanstalten und sonstigen von der Stadt bezeichneten Örtlichkeiten Automaten zum Verkauf von Schutzmitteln zur Verhütung von Geschlechtskrankheiten aufstellt. Der Vertrag belastet die Stadt in keiner Weise, sondern es ist vielmehr vereinbart, daß die genannte Gesellschaft auf den Umsatz einen Naturalbonus an die Stadt abführt. (…) Die Aufstellung muß nach den Vertragsbestimmungen so erfolgen, daß weder Sitte noch Anstand verletzt werden.

Die  Liberalität der Weimarer Gesellschaft darf aber auch nicht überschätzt werden. Die „Automatenfrage“ wurde kontrovers diskutiert und die Gegner der Präservativ-Automaten bzw. „Schmutzmittelautomaten“ waren durchaus zahlreich. Beispielhaft ist der Brief der Arbeitsgemeinschaft für Volksgesundung E.V. an den Reichsminister des Innern vom 7. März 1930, der im Folgenden auszugshaft wiedergegeben werden soll:

Die auszugsweise Veröffentlichung der Denkschrift über die Verhütung der Geschlechtskrankheiten durch Selbstschutz unter Berücksichtigung von Automaten, die von der „Einkaufsgesellschaft chirurgischer Gummiwarenhändler“ dem Reichsministerium des Innern eingereicht wurde, hat in weiten Kreisen berechtigtes Aufsehen erregt und eingehende Untersuchungen über die „Automatenfrage“ veranlasst.

Unsere Arbeitsgemeinschaft für Volksgesundung, in der mehr als 700 Wohlfahrts-, Frauen- und Jugendverbände, Behörden und führende sozial-ethische eingestellte Persönlichkeiten zusammengeschlossen sind, hat sich in ihrem Fachausschuss III mit dieser Angelegenheit eingehend (…) befasst.

(…)

Die grösste Gefahr der geplanten allgemeinen Aufstellung von Automaten liegt in der sittlichen Gefährdung der heranwachsenden Generation. Der aussereheliche Geschlechtsverkehr und die Benutzung der Prostitution wird damit als etwas Selbstverständliches hingestellt. Die Abstemplung der Schutzmittel als hygienischer Bedarfsartikel des täglichen Gebrauchs bedeutet nicht nur eine Herabwürdigung der Geschlechtsbetätigung als solche, sondern eine Entstellung ihrer letzten Sinngebung. Jede Steigerung des ausserehelichen Geschlechtsverkehrs bedeutet aber eine erhebliche Vermehrung der Infektionsmöglichkeit.

Besonders bedenklich erscheint uns die Tatsache, dass der Vertrieb dieser Mittel durch Automaten von wirtschaftlichen Interessengruppen schon heute mit ungeheurer Reklame und grossen Gewinnversprechungen betrieben wird. Wir verurteilen grundsätzlich jede gewerbliche Ausnutzung und jede Erleichterung des ausserehelichen Geschlechtsverkehrs.

(…)

Wir sind der festen Überzeugung, dass der Herr Reichsminister des Innern sich den hier geäusserten schweren Bedenken gegen die Aufstellung von Automaten aus sozialethischen Gründen nicht verschliessen wird und bitten den Herrn Reichsminister, die durch das Gesetz zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten vorgesehenen Möglichkeiten zu benutzen, um die geplante allgemeine Aufstellung von Automaten und dadurch eine weitere Verbreitung der Geschlechtskrankheiten zu verhindern. (…)

Der Brief ist den Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft für Volksgesundung E.V. Nr. 7 vom 8.3.1930 entnommen. Ähnliche Briefe richteten sich an andere Ministerien und zeigten auch Erfolg. So geht auf einen solchen Brief auch die Entscheidung des Preussischen Ministers für Handel und Gewerbe zurück, „wonach Automaten als offene Verkaufsstellen im Sinne der Bestimmungen der Gewerbeordnung gelten, sodass ein Vertrieb von Schutzmitteln durch Automaten nach Ladenschluss und am Sonntag unzulässsig ist“. (Mitteilungen der A.f.V. Nr.3 vom 9.2.1931)

Aber selbst heute finden sich ja noch pseudomoralische Eiferer, die sich über „Liberal-dekadente Kräfte des Kulturbolschewismus“ der Weimarer Gesellschaft aufregen können. So findet sich bei kreuz.net, dem Portal der „Kreuzritter der Dummheit“ (TAZ) bzw. „Katholischer Nachrichten“ (Selbstdarstellung), das u.a. auch Holocaustleugnern eine Plattform bietet, ein Artikel der sich über die durch den deutsch-jüdischen Fabrikanten Julius Fromm (s.o.) gesponserte „Sex-Welle der 1920er Jahre“ auslässt. Interessant an dem Artikel ist aber zumindestens, dass aus ihm hervorgeht, dass sich Kondome und Kondomautomaten auch in der Zeit des Nationalsozialismus weiter ausbreiteten, auch wenn man natürlich ersteinmal kritisch gegenüber allem, was in diesem Artikel gesagt wird, sein sollte, von der Wertung mal ganz abgesehen. Im übrigen haben die Nationalsozialisten noch 1930, bei der oben von der Neuköllnischen Zeitung behandelten Magistratssitzung die Aufstellung von Kondomautomaten „aus grundsätzlichen Erwägungen abgelehnt“.

Zur Rolle von Julius Fromm im Kondomgeschäft und im Nationalsozialismus gibt es bereits ein Buch: Götz Aly/ Michael Sontheimer, Fromms. Wie der jüdische Kondomfabrikant Julius F. unter die deutschen Räuber fiel, Frankfurt 2007.

Written by yesterdaywasfuture

Dezember 16, 2009 at 11:01 pm

Graffiti in Neukölln – eine alte Geschichte.

with one comment

Aus der Neuköllnischen Zeitung vom 26. April 1916:

Ein unschöner Unfug

wird gegenwärtig von der Jugend in Neukölln täglich in großem Umfange verübt. Es werden nämlich überall, wo sich nur Gelegenheit bietet, die Mauern der Häuser, die Zäune, die Türen und Pforten, Ladenschilder usw. mit Kreide beschrieben und beschmiert, so daß die Straßen an vielen Stellen dadurch einen recht häßlichen Eindruck machen. Überall sieht man besonders Jungen mit Kreidestücken in der Hand umherlaufen, um dieser eigenartigen „Malerei“, die gegenwärtig einen besonderen Reiz auf die Jugend auszuüben scheint, nachzugehen. Wie diese neue Passion auf einmal entstanden ist, ist schwer zu sagen. Aber ein Kind scheint es dem andern nachzumachen. Oft artet diese Sucht, alles mit Kreideinschriften zu versehen, sogar, wie man wahrnehmen kann, in Unflätigkeiten aus. Es wäre an der Zeit, daß Eltern und Erzieher die Kinder von diesem unästhetischen Unfug zurückhalten.

Written by yesterdaywasfuture

Dezember 16, 2009 at 8:09 pm

Veröffentlicht in Berlin, Kaiserzeit, Neukölln

Tagged with , , , ,

Das Neueste von Gestern

leave a comment »

Wer mich kennt, weiß, dass ich gerade an meiner Magisterarbeit im Fach Geschichte sitze. Und das bedeutete in den letzten Wochen vor allem Recherchearbeit in Archiven, also das Studium alter Akten, aber auch alter Zeitungen. Vor allem beim Durchblättern der Zeitungen stieß ich dabei immer wieder auf Überschriften, Bilder und Artikel, die meine Aufmerksamkeit vom eigentlichen Thema abzogen. Dies hat mir bestimmt einige Zeit gekostet, aber zugleich bescherten mir diese Abschweifungen auch oftmals die besten Momente in ansonsten ereignisarmen Stunden. In letzter Zeit habe ich angefangen, einige meiner Entdeckungen aufzuschreiben oder zu kopieren, so dass ich sie jetzt auch in das digitale Archiv dieser Welt stellen kann. Und was in einem Archiv steht, wird auch irgendwann gelesen…

Written by yesterdaywasfuture

Dezember 16, 2009 at 7:50 pm

Veröffentlicht in Das Neueste von Gestern